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Einseitige Taubheit

„Danke, dass ich mit dabei sein durfte!“

Ein Bericht von der DCIG-Blogwerkstatt

30. März 2022

Dieter Grotepaß verstorben

Der Autor und langjährige Lektor der Fachzeitschrift Schnecke, Dieter Grotepaß, ist am 28. März 2022 im Alter von 81 Jahren verstorben. 1988 wurde er DCIG-Mitglied und 2004 verlieh ihm die DCIG in Anerkennung für sein langjähriges Engagement für Hörgeschädigte die Ehrenmitgliedschaft.

Am 14. April 1940 geboren, wuchs Dieter in einem musikalischen Elternhaus auf, erkrankte im Alter von zehn Jahren an Meningitis und verlor aufgrund dessen sein Gehör. Danach besuchte er das Bildungszentrum für hörgeschädigte Menschen in Essen und erreichte den Realschulabschluss. In den Kalksteinwerken Wülfrath absolvierte er eine Lehre und war dort bis zu seinem Ruhestand als Kaufmännischer Angestellter tätig. Er war dort sehr geschätzt und pflegte gute Kontakte zu Kollegen. Seine Urlaube verbrachte er oft in Irland – mit seinem Freund im VW Käfer mit Zelt und Englischkenntnissen.

Singen blieb seine Leidenschaft
Von Juli 1950 bis April 1985 vernahm er „keinen einzigen Laut“, dann bekam er in Düren ein Cochlea Implantat – „weil der Weg nach Düren kürzer war als der nach Hannover.“ Danach verbesserte sich seine Sprache. Das Absehen von den Lippen wurde durch das neue Hören unterstützt, das Verstehen leichter. Als sehr belastend beschrieb er in Schnecke Nr. 2 im November 1989 „die Hautdurchleitung, die hinter dem Ohr in Form einer Steckdose eine Verbindung zwischen dem Implantat und dem Sprachprozessor herstellt“ als gravierendes Problem. Nach zwei Jahren eiterte die Wunde immer noch und verheilte nicht. 1987 entfernte Professor Ernst Lehnhardt († 2011) in der Medizinischen Hochschule Hannover das Implantat und implantierte eine Woche später ein neues. Die Operation beschrieb Lehnhardt als schwer. Drei Jahre später war Dieter „überwiegend zufrieden, zeitweise glücklich, aber dennoch sehr dankbar für das neue CI. “ Nach 44 Jahren konnte Dieter erstmals allein durch das Hören Sprache verstehen. Das, so sagte er, grenzte für ihn an ein Wunder. An die „große Musik“ hatte er bald keine Erinnerung mehr, jedoch an Volks- und Kirchenlieder. „Ja und nein“, war seine Einschätzung des Hörens von Musik mit Cochlea Implantaten. Singen blieb seine Leidenschaft.

Als Autor beteiligte er sich kontinuierlich
1988 wurde Dieter Mitglied der Deutschen Cochlea Implantat Gesellschaft e.V. und nahm im April 1989 an der Generalversammlung teil. Um das CI bekannt zu machen, regte Lehnhardt an, eine Vereinszeitung herauszugeben und schlug fünf CI-Träger für diese Aufgabe vor. Dieter gehörte dem ersten Redaktionsteam an – mit Begeisterung, Kompetenz fürs Schreiben und Korrigieren sowie mit sehr viel Fleiß. Zwei Ausgaben der Schnecke im Jahr, fünf redaktionelle Laien, eine Schreibmaschine, viel Briefpost, Faxe und Fahrten nach Wischhafen, Melle, Hannover zum jeweiligen Redaktionstreffen: Das waren noch Zeiten und Dieter in seinem Element. Die Schnecke entwickelte sich, die Herausforderungen stiegen, besonders kommunikativ bei unseren intensiven Besprechungen, weshalb er daran nicht mehr teilnahm. Als Autor beteiligte er sich kontinuierlich. Eine besondere Begabung hatte er für das Lektorat, prüfte akribisch die Texte auf Grammatik und Inhalt. Sehr oft hinterfragte er Inhalte und formulierte Sätze zum besseren Verständnis neu. Bis Dezember 2019 korrigierte er jede komplette Ausgabe der Fachzeitschrift Schnecke, bevor er sich in den Ruhestand verabschiedete.

Hörtrainingsseminare „Übung macht den Meister!“
Hörtraining! Wer ein Cochlea Implantat bekam, musste das Hören trainieren – das war Dieters Überzeugung und somit war es seine Idee, dafür Seminare anzubieten. Mit Unterstützung von Urte Rost und Angelika Strauß-Schier, beide Diplom-Pädagoginnen des CI-Teams der MHH sowie von Dr. Ing. Rolf-D. Battmer, später Professor, organisierte Dieter im August und Oktober 1991 die ersten Seminare „Ermutigung zum neuen Hören“ in der Bildungsstätte Kirchröder Turm in Hannover. Begeisterte Teilnehmer:innen berichteten in der Schnecke davon. Zwei jährliche Seminare organisierte Dieter dann weiterhin mit Unterstützung der DCIG und der Schnecke. Zum Team gehörten viele Jahre Gisela Mätzke für die Betreuung der Teilnehmer und Marlis Herzogenrath (†) für einen Teil des Hörtrainings. Auch Dieters Schwägerin Birgit Grotepaß, Gymnasiallehrerin, führte ein Hörtraining durch.

DCIG-Ehrenmitglied
Im September 2008 war es meine Aufgabe, Dieter, Gisela und Marlis für das jahrelange Engagement für die Hörtrainingsseminare „Übung macht den Meister!“ zu danken und zu verabschieden – mit einer PPP und einer kleinen Extra-Ausgabe der Schnecke. Das Hörtraining an den Samstagen führten all die Jahre jeweils Urte Rost, Angelika Strauß-Schier, Alexandros Giourgas und andere durch. Am Sonntagvormittag gab es immer eine ärztliche Fragestunde mit Prof. Lehnhardt, Prof. Lenarz oder Prof. Lesinski-Schiedat. Seit 2009 werden die Hörtrainings-Seminare vom Bayerischen Cochlea-Implantat Verband e.V. mit Margit Gamberoni und Christl Vidal bis heute durchgeführt, jetzt allerdings im Süden Deutschlands. Für die außergewöhnlichen Engagements ernannte die DCIG Dieter Grotepaß, Gisela Mätzke und Marlis Herzogenrath zu Ehrenmitgliedern.

Brief-Zirkel im Deutschen Schwerhörigenbund
Doch damit nicht genug! Für den Brief-Zirkel im Deutschen Schwerhörigenbund gab Dieter für jede Runde ein Thema vor, verfasste einen Leitbrief und alle Beteiligten schrieben den ihren dazu. Eine sehr umfassende Briefe-Sammlung wurde daraus – das Ende des Zirkels war durch den Tod von immer mehr Beteiligten bedingt.

Lieber Dieter, ganz leise bist Du nun von uns gegangen. Die letzten Jahre Deines Lebens hast Du in der Senioreneinrichtung des Lutherstiftes in Wuppertal verbracht. Zuletzt fiel es Dir schwer, Dein CI anzuziehen, sodass Du oft wieder in der Stille angekommen warst. Begleitet wurdest Du all die Jahre von Deinem Bruder Reiner und Deiner Schwägerin Birgit. Deinen Tod hast Du herbeigesehnt, denn Du hattest einen Plan. Einen genialen Plan: Deine Seele sollte ihre Flügel ausspannen, Deinen Körper jedoch, den hattest Du der Medizinischen Hochschule Hannover vermacht – mit einer schriftlichen Vereinbarung.

Dieter Grotepaß blieb von 1987 bis zu seinem Tod Patient der HNO-Klinik der MHH. Aus tiefer Dankbarkeit für sein neues Hören vereinbarte er schon vor vielen Jahren mit Professor Lenarz, dass sein Leichnam der MHH zu Forschungszwecken im Bereich der Cochlea-Implantate überführt werden soll. Das ist am Tag nach seinem Tod geschehen.
Prof. Dr. Anke Lesinski-Schiedat: „Dass Herr Grotepaß die MHH so großzügig auch über sein Versterben hinausbegleitet und unterstützt, ist sehr bewundernswert. Für sein wirklich nachhaltiges Engagement danken wir ihm sehr. Es wird allen Patienten sicher nutzen – insbesondere den Kindern, weil wir immer noch nicht wissen, was eigentlich in der Hörschnecke nach so vielen Jahren passiert. Das können wir nun erforschen.“

Lieber Dieter, die große CI-Gemeinde dankt Dir von Herzen für alles, was Du für „das Wunder CI“ getan hast! Ruhe sanft und in Frieden.

Hanna Hermann

Und meine Seele spannte weit ihre Flügel aus,
flog durch die stillen Lande als flöge sie nach Haus.                      
Joseph von Eichendorff

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