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Lautstark-Talk

Wenn nach taub auch noch blind kommt – Leben mit dem Usher-Syndrom

„Danke, dass ich mit dabei sein durfte!“

Ein Bericht von der DCIG-Blogwerkstatt

15. Februar 2021

„Ein Wunder, dass ich Corona überlebt habe – genauso, dass ich wieder hören kann!“

Hartmut Blum kann nicht verstehen, dass es immer noch Menschen gibt, die das neue SARS-Virus verharmlosen. Der 60jährige VW-Ingenieur erkrankte im März an COVID-19, musste knapp zwei Wochen beatmet werden. Als er danach aus dem künstlichen Koma erwacht, ist er nicht nur stark entkräftet, sondern taub.

 
Dankbar: Die schwere Covid-19-Infektion überlebte Hartmut Blum knapp, ertaubte dabei rechts. Dank eines CIs kann er wieder beidseitig hören. Foto: André Berger

Wenn Hartmut Blum heute beim Fernsehen in eine dieser neuen Corona-Talkshows schaltet und von der zunehmenden Maßnahmen-Müdigkeit bis hin zur Leugnung des Virus hört, dann wird er richtig emotional. „Wie kann man so unsolidarisch und egoistisch sein“, empört er sich. „Es wundert mich immer wieder, wie unverantwortlich eine ganze Reihe von Menschen sind – wobei die Tatsachen doch auf dem Tisch liegen. Es ist so wichtig, dass wir alle mitziehen. Ich weiß, wie gefährlich das Virus sein kann. Und ich möchte nicht, dass das, was ich durchgemacht habe, anderen Menschen widerfährt!“

Das letzte, an das sich der 60-jährige VW-Ingenieur aus Gifhorn (nahe Wolfsburg) erinnert, ist der 16. März 2020. Danach trübt sich die Erinnerung ein. Kurzatmig, hochfiebrig verlässt er damals im Rettungswagen seine vertraute Welt mit Frau, zwei Kindern und Haus in Richtung Klinik.

„Bereits meine Ankunft im Krankenhaus erinnere ich kaum noch. Mein Gedächtnis setzt knapp zwei Wochen später wieder ein: Mit metallischen Geräuschen, unverständlich sprechenden Menschen, wechselnden Ortschaften. Ich kannte niemanden, der an mein Bett trat, hatte das beängstigende Gefühl gekidnappt worden zu sein – um mich herum alles feindliche Agenten.“

„Delir“ lautet der Fachbegriff für diese Komplikation der vorübergehenden Trübung des Bewusstseins, an der Hartmut Blum zu allem Elend auch noch erkrankt. Experten schätzen, dass etwa zwei von vier Patienten, die auf der Intensivstation beatmet werden, diese erhebliche Hirnfunktionsstörung entwickeln. „Es dauerte Tage bis ich realisierte, dass die Menschen um mich herum mir nur helfen wollten – schließlich hatte ich nur knapp eine schwere COVID-19-Infektion überlebt!“

Der Hausarzt lehnte einen Test ab

Dass ihr Mann am neuen Corona-Virus leidet, ahnt Ehefrau Lucimara (52) sofort. „So extreme Symptome bei einer ,normalen‘ Erkältung: Hartmut war kalt. Er schwitzte und konnte vor Heiserkeit kaum sprechen. Alles tat ihm weh. Um unsere Kinder zu schützen, beschlossen wir umgehend, dass Hartmut das Schlafzimmer nicht mehr verlässt; dass wir fortan getrennt essen und schlafen. Als am nächsten Tag keine Besserung eintrat, rief ich den Hausarzt.“

Doch der Mediziner hält sowohl Lucimaras Verdacht, als auch alle Selbsthilfe-Maßnahmen für übertrieben, lehnt einen Test ab. Hartmut war in keinem Risikogebiet, hat auch keinen Kontakt zu einer nachgewiesen infizierten Person gehabt. „Statt dessen tippte er auf einen normalen, grippalen Infekt“, schildert das Ehepaar, das seit 24 Jahren verheiratet ist.
Hilflos. Die genaue Quelle der Ansteckung können die Blums nie ermitteln. Tatsache ist, dass es dem ehemaligen 100-Kilo-Mann rapide schlechter geht. „So schlecht, dass ich am Samstag wegen akuter Atemnot für meinen Mann den Notarzt rufen musste“, lässt die gebürtige Brasilianerin die Tage Revue passieren. „Geholfen wurde ihm nicht.“

Erst zwei kräftezehrende Tage später hatte der Notarzt ein Einsehen. Mit Blaulicht wird der schweratmende Mann in die Klinik gebracht. „Und dort bestätigte der Corona-Test, dass ich mit meiner Panik richtig lag“, so Lucimara. „Zwei Tage später – schon im künstlichen Koma - wurde Hartmut in die Medizinische Hochschule nach Hannover überstellt, dort in Bauchlage beatmet.“

Begleiten kann Lucimara ihren Ehegatten nicht. „Die Kinder und ich hatten ebenfalls Symptome wie Druck auf der Brust und Geschmacksveränderungen entwickelt. Während Hartmut auf der speziell eingerichteten Corona-Intensivstation um sein Leben kämpfte, rangen wir mit der neuen Krankheit zu Hause. Einzige Verbindung waren die täglichen Anrufe bei den Ärzten in der MHH. Mehr konnte ich nicht für ihn tun – furchtbar!“

Ohrenbetäubender Lärm im Kopf

Später wird Frau Blum erfahren, dass – speziell zu Anfang der Pandemie – etwa jeder zweite beatmete COVID-19-Patient dem Virus erliegt. Ihr Ehemann zum Glück nicht. Er bekommt eines der ersten Medikamente („Remdesivir“) gegen das Lungenversagen. Die Organfunktion erholt sich. Am zweiten April kann er von Hannover nach Gifhorn in die Klinik zurückverlegt werden.

„Als ich zu mir kam, war es unglaublich laut. Als Folge des Delir hatte ich das Gefühl in einem Hubschrauber zu sein. Der Krach hinderte mich, die Ärzte zu verstehen“, erzählt der Familienvater, der in den 14 Tagen gut zwölf Kilo Gewicht verloren hat. „Ich berichtete den Ärzten von den Geräuschen und dass ich rechts nichts mehr hören kann. Bei einem Test stellte sich heraus, dass ich unter einem beidseitigen Tinnitus litt.“

Wieder nimmt das Krankenhaus in Gifhorn Kontakt zur Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) auf. Diesmal mit der Hals-, Nasen-, Ohrenklinik. Klinikdirektor Thomas Lenarz (63) vermutet, dass – wie bei vielen Atemwegsinfekten – auch COVID-19 zur Gefahr für das Innenohr werden kann, wenn das neue Virus über die druckausgleichende „Euchstachische Röhre“ vom Rachen ins Mittelohr vordringt und von dort weiter ins Innenohr (Cochlea) gelangt.

Im Fall von Hartmut Blum nimmt der renommierte Innenohr-Spezialist an: Beim Versuch des Immunsystems, die Eindringlinge zu vertreiben, wurden empfindliche Haarzellen in der Hörschnecke irreparabel zerstört. Dadurch werden die Schallwellen nicht mehr in Nervenimpulse umgesetzt. Zusätzlich kann es durch die Entzündung zur Bildung von Narbengewebe gekommen sein, das die Umsetzung der Schallwellen ebenfalls stört. „Da dieses Narbengewebe rasch verknöchern und jede Möglichkeit eines Eingriffs verhindern kann, muss der Patient bald zu uns in die MHH zurück“, legt Lenarz den Kollegen ans Herz.


Professor Thomas Lenarz von der MHH (links) rät Hartmut Blum zu einer baldigen Implantation.

Wiedersehen auf dem Parkplatz

Am Ostermontag, den 13. April, ist Hartmut Blum ausreichend stabil. Per Krankentransport kann er ins 65 Kilometer entfernte Hannover zurückverlegt werden. „Auf dem Weg erfüllten mir die Rettungssanitäter meinen größten Wunsch. Sie hielten kurz an, öffneten auf einem Parkplatz die großen Hecktüren. Dort warteten meine Frau und meine Kinder. Es war sehr bewegend, unser Wiedersehen nach 29 Tagen – natürlich unter penibler Einhaltung aller Abstandsregeln.“

In der Medizinischen Hochschule Hannover angekommen wird am nächsten Tag per MRT-Aufnahme der Hörnerv kontrolliert. Als der okay ist, kann sich der Gifhorner im angeschlossenen Deutschen Hörzentrum (DHZ) über die Behandlungsmöglichkeit per Cochlea-Implantat (CI) beraten lassen. „Das Cochlea-Implantat umgeht die Haarzellen, sendet die Schallinformationen gleich als elektrisches Signal an den Hörnerv“, erklärte Professor Lenarz Hartmut Blum. „Von dort gelangen die Impulse weiter ins Gehirn, wo sie als Klänge wahrgenommen werden.“ Zwei Tage danach erfolgte die Operation – aufgrund des vorangegangenen künstlichen Komas in örtlicher Betäubung.

Dazu wird vom Operateur hinter der rechten Ohrmuschel ein etwa vier Zentimeter kurzer, bogenförmiger Schnitt gemacht, über den der Zugang durch das Felsenbein bis zur Hörschnecke gefräst wird. Professor Lenarz: „Wir müssen sehr behutsam vorgehen, da hier Geschmacks- und Gesichtsnerv verlaufen. Um die feinen, anatomischen Strukturen so wenig wie möglich zu verletzen, benutzen wir die meiste Zeit ein OP-Mikroskop, um zur Cochlea zu gelangen.“

Hartmut Blum ist live dabei, als der Eingriff den Höhepunkt erreicht: dem Einführen der Mehrkanal-Implantatelektrode in das schneckenförmige Innenohr. „Nach einem Kurzcheck wird die vorgeformte, feine Elektrode vorsichtigdurch den Millimeter-Zugang geschoben“, so der erfahrene Operateur. „Abhängig, welche Frequenzen betroffen sind, entscheiden wir, wie tief wir die Elekroden platzieren bzw. wieviel eigenes Hörvermögen wir eventuell erhalten können.“

Da der Patient rechts vollkommen taub ist, muss die Elekrode möglichst zwei ganze Umdrehungen in die Hörschnecke vorgeschoben werden. „Ein Dreiklang als erstes Testsignal während der OP zeigte mir an, dass das System funktioniert“, berichtet der technik-affine Ingenieur. „Dann wurde der Zugang verschlossen und die Lage der Empfängerspule kontrolliert. Nach einer knappen Stunde konnte ich auf Station zurück.“

Zurück im Leben

Die Aktivierung des äußeren Audioprozessors erfolgt am nächsten Tag im Hörzentrum. Am 23. April – 39 Tage nach dem Corona-Notarzt-Einsatz – kann Hartmut Blum nach Hause. „Es war ein bisschen unwirklich, nach all der Zeit, nach all den Erlebnissen. Die Begegnung mit dem Tod hatte mich tief verunsichert. Ich brauchte Zeit, den Alptraum hinter mir zu lassen. Stück für Stück kämpfte ich mir die Normalität zurück, machte mit meiner Frau erste Spaziergänge am Rollator. Gewöhnte mich an das neuen Hören mit dem CI. Und fing wieder an, mich im Internet über das Tagesgeschehen – insbesondere zu Corona – zu informieren.“

Ende Mai erfolgt die umfangreiche Erstanpassung des Hörsystems mit Logopädin, Sprach- und Hörsituationstests in Hannover. Ergebnis: Hartmut Blum hat nahezu 80 Prozent des technisch Möglichen erreicht. „Tagsüber war ich erst noch sehr müde, litt unter Konzentrationsstörungen“, gibt er zu. „Im Juli entschied ich mich trotzdem, zum beruflichen Wiedereingliederungsversuch. Inzwischen arbeite ich wieder 60 Prozent!“

Im Homeoffice betreut er über Skype die VW-Tochtergesellschaften in Südamerika. Das ist zugegeben anstrengend. Anderseits hat gerade diese Normalität einen hohen Wert. Deshalb unternimmt Hartmut Blum auch erstmal nichts wegen des linken Ohrs.


Dankbar: Hartmut Blum und seine Ehefrau Lucimara

„Hier wollen Lucimara und ich abwarten, wie sich alles entwickelt. Gut möglich, dass ich mir ebenfalls ein CI setzen lasse. Alles zu seiner Zeit. Jetzt genießen wir unser zurückgewonnenes Leben. Denn eines ist klar: Ohne meine Frau hätte ich das nie geschafft. So sind eigentlich drei Wunder, die mir seit März widerfahren sind: dass ich Corona überlebt habe, dass ich wieder hören kann und dass ich eine Frau habe, die wirklich zu mir steht.“

Fotos und Text: medizin-reporter.blog/André Berger

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