Schnecke 117

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Lautstark-Talk

Wenn nach taub auch noch blind kommt – Leben mit dem Usher-Syndrom

„Danke, dass ich mit dabei sein durfte!“

Ein Bericht von der DCIG-Blogwerkstatt

06. April 2022

Innenohr-Implantat unterdrückt Tinnitus

Monika Hedstrom hatte einen Autounfall und wachte nach der Operation mit einer Hörschädigung und Tinnitus-Geräuschen auf. Mittlerweile trägt sie ein Cochlea-Implantat. Weil sie nun besser hören kann, sind auch ihre Tinnitus-Geräusche leiser geworden. André Berger hat ihre Geschichte aufgeschrieben.

Monika Hedstrom / Bildrechte Med-El

Monika Hedstrom wollte nur mal kurz von der Uni zum Schreibwaren-Laden gehen. Doch ein Unfall veränderte das Leben der US-Studentin. „Ich wollte zurück zur Uni, als mich ein Busfahrer beim Linksabbiegen auf dem Fußgängerübergang übersah“, erinnert sich Monika an den folgenschweren Unfall. „Nicht nur die Tüte mit den gekauften Schreibwaren flog auf den Asphalt. Auch ich wurde vom Bus, Kopf voraus, aufs Pflaster gestoßen.“ 

Tinnitus beginnt während der Reha

Wegen des schweren Hirntraumas versetzten die Ärzte die junge Frau in der Klinik umgehend in ein künstliches Koma. Ein dramatischer Kampf auf Leben und Tod begann, inklusive Blutvergiftung und hohem Fieber. „Als ich nach sieben Wochen die Klinik verließ, war es mein kleinstes Problem, dass ich mit dem linken Ohr schlechter hörte", erinnert sich Monika Hedstrom. In der Reha lag ihr Fokus erst einmal darauf, sich in qualvoller Kleinarbeit das alte Leben zurückzuholen. Und ausgerechnet in dem Moment, als sich die ersten Erfolge einstellen, setzt dieser tückische Ton im Kopf ein. „Tinnitus, das bedeutet: Sie hören Geräusche, die real nicht da sind", erkärte ihr ein Ohren-Arzt damals.  Als Ursache vermutete er unfallbedingt einen feinen Haarriss im Innenohr. Dort in der Hörschnecke wirbelt der Schall die Liquor-Flüssigkeit zu kleinen Wellen auf, die wiederum die Haare der Hörzellen wie Seegras im Meer hin- und herbewegen. So werden, wenn’s gut läuft, aus Schall Nervenimpulse.

Gehirn erfindet Tinnitus-Geräusche 

Bei Monika Hedstrom lief es nicht gut. Durch einen Haarriss verliert das Innenohr Flüssigkeit. Die Schallübertragung leidet – und nicht nur das. Durch das Ausbleiben von Hörimpulsen „langweilt“ sich das Gehirn und beginnt Höreindrücke selbstständig zu „erfinden“.  „2004 und noch einmal 2006 versuchte man, das Leck per OP zu finden und zu verschließen — leider erfolglos“, berichtet Monika, die 2008 nach Berlin umzog, um dort Architektur zu studieren. „Kurz nach beiden Eingriffen setzten die Ohrgeäusche wieder ein. Rund um die Uhr, mal hoch und mal tief.“

Versuche, die Ohrgeräusche zu ignorieren

Die ambitionierte Freizeit-Musikerin, die seit ihrem dritten Lebensjahr Geige spielt und sich als Orchester-Violistin ganz erfolgreich was zum Studium hinzuverdient, wollte den „kleinen Mann im Ohr“ zunächst ignorieren. „Ich hatte ja noch mein rechtes Ohr, wollte das Problem nicht größer machen, als es war. Dafür hatte der Unfall mir deutlich gemacht, wie kostbar das Leben ist“, sagt sie.

Phantomgeräusche überlagern Schallquellen

Aber als das Restgehör links rapide nachlässt, wurde es immer schwerer, ihr Handicap zu ignorieren. Das Problem: Monika Hedstrom hört zwar auf dem rechten Ohr ganz gut. Doch die Phantom-Geräusche überlagern die realen Schallquellen: „Wenn mehrere Menschen auf einmal sprachen, wurde es richtig schwer. Mit Freunden abends ins Restaurant oder in die Bar zu gehen, war irgendwann mehr Qual als Vergnügen. Wenn alle wie wild durcheinandersprachen, saß ich quasi taub und stumm da – und fühlte mich irgendwie dumm.“

Hörgerät nicht mehr ausreichend

Zunächst fragte Monika beim Hörgeräte-Akustiker um Hilfe. Aber für ein herkömmliches Hörgerät war der Verlust bereits zu weit fortgeschritten. „Deshalb wandte ich mich an eine niedergelassene HNO-Ärztin. Nach einigen Hörtests und einer Untersuchung im Kernspin stand fest, dass ich ein Fall für ein Cochlea-Implantat war. Ich bekam die Adresse der Charité. Keine drei Wochen später stellte ich mich in der CI-Sprechstunde der Klinik für Hals-, Nasen-, Ohren-Heilkunde von Professorin Heidi Olze vor.“ 

Beidseitige Versorgung mit Cochlea-Implantaten üblich

Professorin Heid Olze / Bildrechte Med-El

Die Professorin ist mit mehr als tausend implantierten CIs eine erfahrene Operateurin. „Seit der Jahrtausendwende geht man zur beidseitigen Versorgung über", sagt sie. „Aufgrund der jahrzehntelangen Erfahrung ist es nicht mehr notwendig, ein ,Reserveohr’ zu erhalten. Nächster großer Schritt ist nun der Einsatz des CIs auch bei einseitiger Schwerhörigkeit unter anderem durch Hörsturz oder auch bei Tinnitus.“

„Das eigentliche Implantat ist nur noch wenige Millimeter dünn“

Motor hinter dem vermehrten Einsatz ist der technische Fortschritt: Moderne Hörimplantat-Systeme sind viel kleiner als früher. Der externe Teil des Innenohr-Ersatzes kann inzwischen wie ein kleines Hörgerät hinter dem Ohr getragen werden, besteht aus Mikrofon und Sprachprozessor. „Das eigentliche Implantat ist nur noch wenige Millimeter dünn und umfasst Empfangsspule, Stimulator und Elektroden. Letztere werden in einer guten Dreiviertel- bis ganzen Stunde unter die Kopfhaut in den Schädelknochen und die Hörschnecke eingepflanzt“, erklärt Professorin Heidi Olze. 

CI wird über winzige Öffnung eingesetzt

Anpassung der Cis / Bildrechte: Med-El

Um die natürlichen Strukturen so weit wie möglich zu schützen, wurde bei Monika Hedstrom nur über einen winzigen Schlitz die Hörschnecke eröffnet. Mit Hilfe eines 3D-Mikroskops führte die Operateurin die silikonummantelte Elektrode ins Innenohr ein. Nach einem ersten, intraoperativen Test des Implantats und einer Überprüfung des Hörnervs wurde das Innenohr abgedichtet, die Wunde vernäht. „Vier Tage nach dem Eingriff konnte ich nach Hause“, erzählt die junge Frau, die inzwischen als Architektin arbeitet. „Vier Wochen später kehrte ich in die Klinik zur Erstanpassung bei Dr. Stefan Gräbel zurück. Anfangs wurden Probetöne abgespielt. Anschließend wurde jede einzelne Elektrode des Implantats eingestellt. Zunächst klang alles sehr metallisch, als ob ein Radio unter Wasser spielen würde. Doch mit jeder Anpassung und dank des täglichen Trainings mit Hörbüchern wurde der Klang innerhalb von sechs Monaten deutlich besser.“

Echtes Hören überlagert Tinnitus

Was für Monika allerdings fast noch wichtiger ist: Nahezu bei Aktivierung des Implantats wurde auch der Tinnitus leiser: „Ich war überrascht, wie gut ich plötzlich wieder mit links hören konnte. Und wie sauber meine Geige dank des Verschwindens des kleinen Mannes im Ohr wieder klang. Das Implantat hat mir die Freude an der Musik zurückgegeben!“(mr)

Das Schnecke-Heft 115 befasst sich ausführlich mit dem Thema Tinnitus und Cochlea-Implantat.


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