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Lautstark-Talk

Mit CI Vater werden, mit CI Vater sein

„Danke, dass ich mit dabei sein durfte!“

Ein Bericht von der DCIG-Blogwerkstatt

29. Januar 2021

„Meine Behinderung sehe ich nicht als Hindernis“

Die Rheinländerin Felicitas Merker holte 2017 bei den Sommer-Deaflympics Bronze im Siebenkampf. Die CI-Trägerin überwindet aber nicht nur im Sport Hindernisse mit Leichtigkeit.


Der Leistungssport hat Felicitas Merker mental stark gemacht. Fotos: Anton Schneid, DGSV

Mein Zwillingsbruder und ich kamen 1992 zur Welt. Doch während mein Bruder, der hörend geboren ist, kurze Zeit später anfing, sich zu artikulieren, blieb ich still. Im Alter von zweieinhalb Jahren kam dann die Nachricht: Gehörlosigkeit und damit verbundene Sprachstörung. Für meine Eltern war das eine schwere Zeit, weil sie bis dato keine Erfahrung mit einem hörbehinderten Kind hatten. Trotz der Hörgeräteversorgung und regelmäßiger Sprachtherapie war kein großer Erfolg sichtbar.

Das änderte sich erst mit der CI-Versorgung im Jahr 2000. An die Zeit kann ich mich noch gut erinnern, wie sehr ich als Achtjährige gegen die Operation rebelliert hatte. Ich hatte Angst und war völlig überfordert von dem, was auf mich zukommen würde. Es flossen viele Tränen, aber nach der Operation und der Erstanpassung war alles vergessen. Das Schönste für mich war, als ich mit dem CI Geräusche wahrnahm, die ich mit Hörgeräten nie gehört hatte.

Anfangs war es eine Herausforderung, die neuen Töne zuzuordnen. Mit der ambulanten Reha und der Zeit verbesserten sich meine Lautsprache und mein Sprachverständnis merklich. Kein Jahr nach der ersten Operation kam die Implantation des zweiten CIs, seitdem bin ich bilateral versorgt. Durch die Implantationen haben sich mein Sprachverständnis und meine Lautsprache kontinuierlich entwickelt.

„Mit dem CI nahm ich Geräusche wahr, die ich mit Hörgeräten nie gehört hatte.“

Um mich nach einem anstrengenden „Hör-Tag“ in der Regel-Realschule auszupowern, ging ich regelmäßig zum Leichtathletik-Training. Dort entdeckte ich die Leidenschaft zum Sport und fing an, mein Trainingspensum von Jahr zu Jahr zu steigern und an Wettkämpfen teilzunehmen. 2009 verließ ich als Klassen- und Jahrgangsbeste die Realschule und entschloss mich dazu, Abitur am sportbetonten Regel-Gymnasium zu machen. Dieser Schulbesuch ermöglichte mir eine Fortsetzung meiner sportlichen Karriere, da die Schule mit meinem Sportverein kooperierte.

Prägender Leistungssport


Hochkonzentriert beim Kugelstoßen.

2012 wurde ich aufgrund meiner starken Leistung bei einer Gehörlosen-Meisterschaft vom Deutschen Gehörlosen-Sportverband für die Teilnahme an der Hallen-Europameisterschaft im estnischen Tallinn nominiert. Dort gewann ich zur Überraschung vieler Menschen Bronze im leichtathletischen Fünfkampf der Frauen und brach auch den Deutschen Gehörlosen-Rekord, den ich bis heute halte. Anschließend ordnete ich mein Leben dem Leistungssport unter. 2017 verlieh mir der Bundespräsident das Silberne Lorbeerblatt. Dies ist die höchste staatliche Auszeichnung für sportliche Spitzenleistungen in Deutschland. Im Oktober 2019 beendete ich dann nach dem Bronzemedaillengewinn im Siebenkampf bei den Sommer-Deaflympics 2017 in Samsun, Türkei, meine sportliche Karriere.

„Meinen Eltern bin ich sehr dankbar, dass sie mir mit der Implantation zweier CIs ein nahezu normales Leben ermöglicht haben.“

Parallel zum Leistungssport habe ich Sportwissenschaft an der Deutschen Sporthochschule in Köln und an der sportwissenschaftlichen Fakultät der Ruhr-Universität Bochum studiert. Zwei Tage nach Abgabe der Masterarbeit im April 2019 stieg ich als Projektleiterin beim Deutschen Gehörlosen-Sportverband ein. Zu Beginn dieses Jahres wagte ich den Wechsel von der Projektstelle ins Ressort Leistungssport im Verband und arbeite seitdem als Leistungssportreferentin.

Der Leistungssport hat einen enormen Beitrag zu meiner Persönlichkeitsentwicklung geleistet, denn die Erfahrungen im Umgang mit Niederlage und Verletzung haben mich geprägt, aber auch mental stark gemacht. Meine Behinderung sehe ich nicht als Hindernis. Mit der Zeit habe ich gelernt, damit umzugehen. Ich bin ein offener, kontaktfreudiger Mensch, der seine Behinderung nicht versteckt, und ich bin der Meinung, dass man an den Herausforderungen wächst. Meinen Eltern bin ich sehr dankbar, dass sie mir mit der Implantation zweier CIs ein nahezu normales Leben ermöglicht und mich in meinem Sport gefördert haben.

Felicitas Merker

Der Artikel erschien zuerst in Schnecke 110.


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