Schnecke 102

Die gute? alte Zeit - Ein Blick auf „wilde Tiere“, Taubstummenanstalten und „Rassenhygiene

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Sicher durchs MRT mit Implantat

MED-EL macht Hörimplantate fit für die Magnetresonanztomographie

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Neu: Cochlear™  Nucleus® 7 

Der weltweit erste Soundprozessor für Cochlea-Implantate  „Made for iPhone" 

Im Mittelpunkt steht der Patient

Anforderungen der DCIG an die Neufassung der Leitlinen zur CI-Versorgung

DCIG - Erfolgreiche Wiederwahl

Auf der Generalversammlung wurde das Präsidium wiedergewählt und erweitert.

Am Ohr der Macht – Wer spricht für uns?

Lobbyismus in der Gesundheitspolitik

 

Die Fachzeitschrift Schnecke beleuchtet in ihrem aktuellen Schwerpunkt, wie sich Hörgeschädigte in der Politik Gehör verschaffen können und wer sie wo vertritt.

 

Senden, Juni 2017: In Deutschland werden jährlich rund 300 Milliarden Euro für das Gesundheitswesen ausgegeben. Fast fünf Millionen Menschen sind im Gesundheitsbereich tätig. Kein Wunder, dass in der Gesundheitspolitik viele Verbände und Lobby-Organisationen tätig sind, denn es geht um richtig viel: um (sehr viel) Geld für die einen, um Lebensqualität für die anderen. Umso wichtiger ist es, für die Belange von Betroffenen zu kämpfen: in der Politik, damit sie die richtige medizinische Versorgung erfahren können, in der Medizin, damit der Prozess von der Beratung über die Behandlung bis hin zur Nachsorge transparent und einfühlsam gestaltet wird. In der aktuellen Ausgabe der Schnecke stellen wir die wichtigsten Interessensvertreter für Hörgeschädigte vor, diskutieren das Pro und Contra des  derzeit praktizierten Lobbying und zeigen auf, warum es wichtig ist, dass sich Menschen in Vereinen oder der Politik  engagieren. Im Anbetracht der bevorstehenden Bundestagswahl haben wir die im Bundestag vertretenen Parteien zudem einem Inklusions-Check unterzogen und stellen die  gesundheitspolitischen Sprecher der Fraktionen vor.

 

Weitere Themen in Schnecke Nr. 96 sind:

- MDK-Gutachter: Schicksalsmächte ohne Gesicht

- Missachtung der Rechtsprechung: Ein Sparmodell der Krankenkassen
- Hörverluste verhindern: Die DCIG fordert die Bundesregierung zum Handeln auf

- Patienten informieren Ärzte: Die Ergebnisse der DCIG-Aktion

- Aufbruch zu einer neuen Kommunikationskultur zwischen Laien und Experten

- Helden des Hörens: Graeme Clark

Cochlear Deutschland - Beats of Cochlea Festival 2017

Taub sein und Musik machen? Cochlear lädt 2 Musiker im Juli ein

13. Juni 2016

CI-Tag 2016 Leipzig1_

Sprich mit mir“ – Fehlanzeige!

Drei Landesregierungen demonstrieren ihr Desinteresse an gelebter Inklusion

Drei Kultusminister waren eingeladen, am CI-Tag 2016 mit Hörgeschädigten über Inklusion in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen zu sprechen. Keiner erschien. Keiner schickte auch nur einen Vertreter ins Haus des Buches zu Leipzig. Allein die CDU-Landtagsabgeordnete Angela Gorr aus Halle vertrat „die Politik“ - und schlug sich umso wackerer.

„Wir sind nicht nur verantwortlich für das, was wir tun, sondern auch für das, was wir nicht tun,“ zitierte Angela Gorr ihre eigene Homepage. Sie ist behindertenpolitische Sprecherin ihrer Partei in Sachsen-Anhalt und ermunterte die rund sechzig Teilnehmer des 8. Mitteldeutschen CI-Symposiums: „Versuchen Sie sich politisch einzumischen! Treten Sie Ihren Lokalpolitikern auf die Füße!“

Wo Inklusion - halbwegs - funktioniert, das hatte die vorangehende Diskussion eindringlich gezeigt, funktioniert sie wegen des bewundernswerten Engagements Einzelner; seien es Schulleiter, Lehrer oder, oft genug, Eltern, die manchmal sogar eigenhändig dafür sorgen, dass die Akustik in Klassenzimmern stimmt.

Barbara Gängler, die Geschäftsführerin des CIV Mitteldeutschland, berichtete von frustrierenden Bemühungen, im Internet handliche Informationen über Inklusionsmaßnahmen in den drei mitteldeutschen Bundesländern zu finden: zwei magere Seiten dazu fand sie in Sachsen und Sachsen-Anhalt, und „in Thüringen gibt’s nichts.“

Mangels offizieller Weiterbildungsmaßnahmen bietet der Cochlear Implant Verband Mitteldeutschland selbst Workshops für Lehrer an, um ihnen nahezubringen, was es bedeutet, wenn in ihren Klassen hörgeschädigte Kinder sitzen. Die Reaktion? Mager. Insbesondere „in Sachsen beißen wir auf Granit,“ so Barbara Gängler.

Aber alle drei Bundesländer haben Inklusion offiziell zu ihrer Politik erklärt. Was eigentlich bedeutet, wie der Pädagogik-Professor Dr. Andreas Hinz aus Halle erläuterte, nicht nur in der Bildungspolitik „radikal umzusteuern“. Wer Inklusion wirklich wolle, müsse „eine Schule für Alle“ einführen. Katharina Kubitz vom Berufsbildungswerk Leipzig regte an, MIT Hörgeschädigten und anderen Menschen mit besonderen Bedürfnissen zu reden, statt ÜBER sie: auch das wäre gelebte Inklusion.

Die Bildungsverantwortlichen aus Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen hätten dazu am 11. Juni eine große Chance gehabt. Eltern und ehemalige Schülerinnen schilderten im Haus des Buches eindrucksvoll, wie sie Inklusion im Alltag erlebt oder – öfter – eben nicht erlebt haben. Selten wird so offen und konstruktiv diskutiert wie an diesem CI-Tag in Leipzig. Die zuständigen Ministerien haben eine große Chance mutwillig verpasst. (uk)

 

13. Juni 2016

CI-Tag 2016 Leipzig1

Sprich mit mir“ – Fehlanzeige!

Drei Landesregierungen demonstrieren ihr Desinteresse an gelebter Inklusion

Drei Kultusminister waren eingeladen, am CI-Tag 2016 mit Hörgeschädigten über Inklusion in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen zu sprechen. Keiner erschien. Keiner schickte auch nur einen Vertreter ins Haus des Buches zu Leipzig. Allein die CDU-Landtagsabgeordnete Angela Gorr aus Halle vertrat „die Politik“ - und schlug sich umso wackerer.

„Wir sind nicht nur verantwortlich für das, was wir tun, sondern auch für das, was wir nicht tun,“ zitierte Angela Gorr ihre eigene Homepage. Sie ist behindertenpolitische Sprecherin ihrer Partei in Sachsen-Anhalt und ermunterte die rund sechzig Teilnehmer des 8. Mitteldeutschen CI-Symposiums: „Versuchen Sie sich politisch einzumischen! Treten Sie Ihren Lokalpolitikern auf die Füße!“

Wo Inklusion - halbwegs - funktioniert, das hatte die vorangehende Diskussion eindringlich gezeigt, funktioniert sie wegen des bewundernswerten Engagements Einzelner; seien es Schulleiter, Lehrer oder, oft genug, Eltern, die manchmal sogar eigenhändig dafür sorgen, dass die Akustik in Klassenzimmern stimmt.

Barbara Gängler, die Geschäftsführerin des CIV Mitteldeutschland, berichtete von frustrierenden Bemühungen, im Internet handliche Informationen über Inklusionsmaßnahmen in den drei mitteldeutschen Bundesländern zu finden: zwei magere Seiten dazu fand sie in Sachsen und Sachsen-Anhalt, und „in Thüringen gibt’s nichts.“

Mangels offizieller Weiterbildungsmaßnahmen bietet der Cochlear Implant Verband Mitteldeutschland selbst Workshops für Lehrer an, um ihnen nahezubringen, was es bedeutet, wenn in ihren Klassen hörgeschädigte Kinder sitzen. Die Reaktion? Mager. Insbesondere „in Sachsen beißen wir auf Granit,“ so Barbara Gängler.

Aber alle drei Bundesländer haben Inklusion offiziell zu ihrer Politik erklärt. Was eigentlich bedeutet, wie der Pädagogik-Professor Dr. Andreas Hinz aus Halle erläuterte, nicht nur in der Bildungspolitik „radikal umzusteuern“. Wer Inklusion wirklich wolle, müsse „eine Schule für Alle“ einführen. Katharina Kubitz vom Berufsbildungswerk Leipzig regte an, MIT Hörgeschädigten und anderen Menschen mit besonderen Bedürfnissen zu reden, statt ÜBER sie: auch das wäre gelebte Inklusion.

Die Bildungsverantwortlichen aus Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen hätten dazu am 11. Juni eine große Chance gehabt. Eltern und ehemalige Schülerinnen schilderten im Haus des Buches eindrucksvoll, wie sie Inklusion im Alltag erlebt oder – öfter – eben nicht erlebt haben. Selten wird so offen und konstruktiv diskutiert wie an diesem CI-Tag in Leipzig. Die zuständigen Ministerien haben eine große Chance mutwillig verpasst. (uk)

 

13. Dezember 2018

Kulturelle Vielfalt zwischen Almen und Palmen

Zum zweiten Mal lud der Bayerische Cochlea-Implantat-Verband e.V. Hörbehinderte und gut Hörende zu einer Studienreise ein. Im September 2018 ging es nach Südtirol, erneut unter der kundigen und souveränen Führung von Margit Gamberoni.

In Südtirol wird deutsch (70 %), italienisch (26 %) und ladinisch (4 %) gesprochen. Wir bevorzugten Deutsch. In und um Meran sahen wir riesige Apfel- und Weinplantagen. Zu den Äpfeln heißt es: „Die sauren gehen in den Norden, die süßen in den Süden“.

Am vorletzten Tag unserer Reise hatten wir die Gelegenheit, an einer Weinverkostung teilzunehmen. Der Weinhof Kobler an der Südtiroler Weinstraße ist 2,5 ha groß; dies entspricht einer Produktion von etwa 16000 Flaschen Wein im Jahr. Koblers haben sich auf Chardonnay, Ruländer, Gewürztraminer, Cabernet Franc und Merlot festgelegt. Frau Kobler, Margit Gamberonis Nichte, führte uns umfassend in die Bedingungen des Weinanbaus (Böden, Lese per Hand, Maschinen, Herstellung nach ökologischen Verfahren, Genossenschaft, Unterschiede zwischen den Weinen) ein – und dann durften wir kosten … Mmmhh.


Begegnungsabend mit Südtiroler CI-Trägern: Auf dem Foto von links nach rechts: Barbara Todesco, CI-Trägerin aus Kaltern/Südtirol, Inge Hilpold, CI-Trägerin aus Brixen/Südtirol, Martin Mayr, Präsident der Südtiroler CI-Gemeinschaft, Regine Zille, 1. Vorsitzende des BayCIV, Margit Gamberoni, 3. Vorsitzende des BayCIV, Margit Fischer, BayCIV,-Vorstandsmitglied, Dr. Karin Waldboth, Elternverband hörgeschädigter Kinder, Bozen/Südtirol

Wir waren 52 Teilnehmer. Unsere älteste war schon 90 Jahre alt und noch bewundernswert fit. Aber was sind schon 90 Jahre im Vergleich zu den 5250 Jahren des „Ötzi“, den wir vor unserer Abreise aus Südtirol im Südtiroler Archäologiemuseum der Landeshauptstadt Bozen besuchten? Gefunden wurde die durch Gefriertrocknung konservierte und geschrumpfte Leiche 1991 von einem Nürnberger Ehepaar beim Wandern in den Alpen.

Ötzi brachte aufgrund des Beils mit Kupferklinge, das er mit sich geführt hatte, „wissenschaftliche“ Theorien über die Kupferzeit zum Einstürzen. Kupfer muss es schon 1000 Jahre früher gegeben haben als bisher angenommen. Beim Ansehen der Mumie konnten wir Gänsehaut bekommen.

War Ötzi Südtiroler?
Beeindruckend aber ist, wie die Wissenschaft heute ziemlich exakt in der Lage ist, die Größe des Mannes (154 cm), sein Alter (Mitte 40 Jahre), seine gesundheitliche Verfassung vor 5000 Jahren (z.B. Bandscheibenverschleiß, Blutgruppe oder Laktose-Intoleranz), anhand der Zähne und des Mageninhalts seine damalige Ernährungsweise, seine durch das Einreiben von Kohlenstaub in kleine Wunden entstandenen Tätowierungen (die ältesten bekannten Tätowierungen überhaupt), seine Kleidung und seine Todeszeit (Analyse des Darminhalts und gefundene Pollen), sowie die Todesart festzustellen. In der linken Schulter wurden die Spuren eines Pfeilschusses festgestellt. Der Pfeil durchschlug die Hauptschlagader; Ötzi muss dadurch auf das Gesicht gefallen sein und noch ein Schädel-Hirn-Trauma erlitten haben.

Für alle Teilnehmer hatte Margit Gamberoni Mappen mit Prospekten und Karten zusammengestellt. Sie enthielt eine Übersicht über die verschiedenen Sprachgruppen im Lande, über den Südtiroler Dialekt, ein Glossar der Südtiroler Küche und hielt die Eckdaten der Geschichte Südtirols fest. Selbst die Vorstellungsrunde am ersten Abend war mit einem Spiel über die Geschichte und Volkskunde Südtirols verbunden.

Die so interessante Geschichte über die Autonomie Südtirols wurde uns in diesen Tagen mehrfach erzählt, sei es von Margit Gamberoni selbst, von der Südtiroler Reiseleiterin oder während eines ausführlichen Vortrags des Meraner Landtagsabgeordneten (Grüne), des Historikers und Landeskundlers Professor Hans Heiss zum Thema „Südtiroler Identitäten“. Auch einer unserer Teilnehmer, Stefan Theilacker, konnte Landeskundliches beisteuern.

Das Rätselraten über die Herkunft des Ötzi, gefunden in der Grenzregion zwischen dem österreichischen Bundesland Tirol und der italienischen Provinz Südtirol, hat bis heute nicht aufgehört. Und so heißt es scherzhaft (Angehörige der genannten Nationen mögen es uns verzeihen, es handelt sich um einen deutschen Witz): „Aus Österreich kann er nicht gekommen sein, dazu war sein Hirn zu groß. Italiener kann er nicht gewesen sein, weil er Werkzeug dabei hatte. Möglicherweise war er Schweizer, weil nur die so langsam sind, dass sie sich von einem Gletscher einholen lassen. Wahrscheinlich aber war er Deutscher, weil: Wer sonst würde mit Sandalen ins Gebirge gehen? Man weiß also nicht so genau, woher Ötzi kam. So gesehen ist Ötzi ein Südtiroler, denn sicher weiß man nur – er war Europäer!“

Unser Busfahrer Stephan Makó war sehr umsichtig und hilfsbereit und steuerte unsere Ziele nach Möglichkeit so an, dass wir kurze Fußwege hatten. Einfach war dies nicht, denn der Bus hatte eineinhalb Meter Überlänge, und es gehörte wirklich viel Geschick, Konzentration und Geduld dazu, diesen Bus in den schmalen Kurven zu lenken, oder richtig einzuparken. Auch hatten wir auf Hin- und Rückweg Stau, so sehr sogar, dass wir am 1. September von München bis Meran etwa sieben Stunden benötigten. Ein Teil dieses Staus war natürlich auf der Brennerautobahn.

Aber so etwa ab 2025/2026 soll es ja damit besser werden, wenn der zwischen Innsbruck und Franzensfeste geplante, wesentlich von der EU geförderte, österreichisch-italienische Brennerbasistunnel (Eisenbahn) in der Länge von 55 km in zwei Röhren und weiteren Nebenstollen (Sicherheit, Entwässerung usw.) fertiggestellt sein wird. Damit würde sich die Reisezeit von Innsbruck nach Bozen von heute gut zwei Stunden auf weniger als die Hälfte reduzieren.

Vom Goldschatz keine Spur
Vom Brenner selbst geht die Sage, dort sei es acht Monate Winter und vier Monate kalt – im Bus merkten wir nichts davon. Die Brennerbahn wurde direkt durch das mittlere Fort der einst österreichischen Franzensfeste geführt. Die Festung galt als uneinnehmbar, musste aber kaum kriegerischen Auseinandersetzungen dienen. 1943 wurden dort von der deutschen Militärverwaltung 127,5 Tonnen Gold aus Italien eingebunkert. Ein Teil des Goldes ist in den Kriegswirren spurlos verschwunden; leider konnten wir das restliche Gold während der Staus auf der Brennerautobahn nicht finden.

Wir genossen eine schöne Fahrt durch das Eisacktal, vorbei an den von vielen Wolken bedeckten Bergen und Felsen, an Wäldern und saftig grünen Tälern. Immer wieder sahen wir hoch gelegene Kirchen und Burgen, wie das Kloster Säben, das früher Bischofssitz war und seit über 400 Jahren nun ein Benediktinerinnenkloster ist. In einer solchen Landschaft ist es nicht verwunderlich, dass gleich zwei Minnesänger im Mittelalter dort mit ihren Liedern berühmt wurden: Friedrich von Sonnenburg und vor allem Oswald von Wolkenstein.

Endlich waren wir in Meran in unserem guten Jugendstilhotel mit vier Sternen, dem Grand Hotel Bellevue, in dem wir abends 4-Gänge-Menüs bekamen.


An den Abenden blieb noch Zeit für Geselligkeit und Austausch (auf dem Foto von links nach rechts: Friedrich Hirschmann, Karl Schloddrick, Stefan Theilacker, Theresia Glaser). 

Am nächsten Tag war der Himmel uns zunächst keineswegs gewogen, und die Stadtführung fand unter Regenschirmen statt. Wir wurden in zwei Gruppen aufgeteilt. Unsere optimal deutlich sprechende Führerin erzählte sehr anschaulich von den Höhen und Tiefen Merans, u.a. bis 1414 als Residenz der Habsburger, als Münzprägestätte und dann als Kurstadt dank des milden Mittelmeerklimas und 300 Sonnentagen im Jahr - zunächst vor allem für Lungenkranke wie Franz Kafka. Sie führte uns zum Alten Kurmittelhaus und zur neugotischen Evangelischen Christuskirche. Weiter ging es zum schönen Stadttheater im Jugendstil, zur 2005 erbauten Therme an der Passer, zur so manches Mal überfluteten Passerpromenade, zur romantischen, 400 m langen Laubengasse aus dem 13. Jahrhundert, eine der Hauptgeschäftsstraßen Merans.


Stadführung in Meran.

Als Wahrzeichen Merans gilt der Dom, die römisch-katholische, spätgotische Stadtpfarrkirche St. Nikolaus aus dem 14. und 15. Jahrhundert. Ein weiteres Wahrzeichen Merans ist das Kurhaus an der Passerpromenade. Ebenda erzählte uns unsere Stadtführerin von den in Meran vorkommenden mediterranen und subtropischen Pflanzen wie Palmen, Zypressen, Feigenkakteen, Olivenbäumen, Agaven u.a.

Wie Sissi die Aussicht genießen
Nachmittags aber besuchten wir bei Sonnenschein ein besonderes Pflanzenparadies: die Gärten um Schloss Trauttmansdorff mit mehr als 80 bunten Gartenlandschaften auf einer Fläche von 12 ha, mit Künstlerpavillon, Erlebnisstationen und einer Volière.

Von Trauttmansdorff, dem frühesten Beispiel neugotischen Burgenbaus in Tirol aus, hatten wir eine herrliche Aussicht auf die Berge und Täler Südtirols. Kaiserin Sissi war oft auf Trauttmansdorff, es wurde wegen seiner sonnigen und windgeschützten Lage zu ihrem Winterdomizil. Der Spazierweg zwischen Meran und Trauttmannsdorff heißt daher auch „Sissi-Weg“ (3 km). In den Schlossräumen befindet sich das überaus sehenswerte und amüsante Touriseum, das mit lebensgroßen Figuren, witzigen Modellen, einem Theater u.a. auf drei Etagen 200 Jahre Tiroler Geschichte zeigt.

Nach Historie und Flora verwöhnte uns abends eine Nichte von Margit Gamberoni, Dietlind Kasseroller, mit ihren Musikerkollegen mit einem Musikabend. Ich lasse hier eine andere Teilnehmerin erzählen: 

„Auf diesen Abend freute ich mich besonders, wollte ich doch schon als 9-jährige das Zitherspiel erlernen. Anlass war ein altes Erbstück von einem entfernten Verwandten und die Nähe zur Kärntner Volksmusik, welche dieses Instrument vielfach verwendet. Leider blieb mir dieser Wunsch damals verwehrt. So träumte ich zeitlebens von diesen schönen Klängen. In dem wunderschönen kleinen Saal des Meraner Hotels Bellevue konnte ich diesen Traum dann gut zwei Stunden leben. Es war einfach wunderbar, der in Tracht gekleideten Zithergruppe Sedezim zuzuschauen und zuzuhören. Der Herr begleitete mit seiner Bassgeige. Die sehr erfahrene Gruppe spielte so gut, dass sie tosenden Applaus von uns erntete. Ich selbst war überrascht, konnte ich doch trotz zwei Cochlea-Implantaten recht gut die Klänge differenzieren und empfand die Musik als belebend und wohltuend zugleich.“
Ein wunderschönes Beispiel dafür, dass manche CI-Träger Musik genießen können.


Auch CI-Träger genießen Musik: Die Zithergruppe Sedezim spielte nur für uns (auf dem Bild Zitherspieler Josef Dentinger und Dielind Kasseroller).

Was aber wäre ein Urlaub in Südtirol ohne eine Dolomitenrundfahrt? 2009 wurden die Dolomiten in die Unesco-Liste der Weltnaturdenkmäler aufgenommen, und Reinhold Messner sagt: „Die Dolomiten sind die schönsten Berge der Welt“. Er ist ja „Fachmann der Berge“, er muss es wissen!

So sehr viel lässt sich nicht zu diesem Erlebnis sagen, diese Schönheit der grandiosen Bergwelt mit ganz gelegentlich etwas Schnee und tiefen Wolken muss jeder selbst erleben und wird überwältigt sein. Sachlich gesehen waren wir zuerst am tiefgrünen Karersee (1520 m), der aus unterirdischen Quellen aus dem Latemargebirgszug gespeist wird. Dort grüßt der acht km lange Gebirgszug Rosengarten. Die nächsten Ziele waren Passo Pordoi 2239 m, die Sellagruppe und der Passo Sella 2244 m. Ein gewaltiges Fahrprogramm für Stephan Mako. Über das Grödner Joch (2121 m) ging es hinunter zum Grödner Tal, der Hochburg der ladinischen Sprache und dem Zentrum des Grödner Kunsthandwerks. Der Hauptort St. Ulrich (ladinisch: Urtijei) in immerhin noch 1237 m Höhe hat ein Museum, in dem Grödner Holzschnitzereien aus 400 Jahren ausgestellt sind. Außerdem beherbergt es ein Archiv des dort geborenen Luis Trenker. Last not least liegt St. Ulrich wunderschön zwischen den Bergen - u.a. die Seiser Alm - und zu den Kastelruther Spatzen ist es auch nicht weit.

Am nächsten Tag fuhren wir zum Schloss Sigmundskron. Dieses Schloss ist zum einen für die Südtiroler ein wichtiges politisches Symbol. 1957 forderten auf Sigmundskron 30 000 Südtiroler unter dem Motto „Los von Trient“ die Freiheit Südtirols. Zum anderen befindet sich auf Sigmundskron eines der sechs Messner-Mountainmuseen.

Wasser, Berge, Weine
Die Weiterfahrt auf der Südtiroler Weinstraße brachte uns zum Kalterer See. Vier von uns gingen baden, und sie waren begeistert. Es ist der wärmste See der Alpen (im Sommer 28 Grad). Die Wasserqualität ist sehr gut. Mal ist der See tiefblau, mal grün wie die ihn umgebende mediterrane Landschaft. Andere fuhren zur erwähnten Weinverkostung in Margreid an der Weinstraße. Eine weitere Gruppe stieg in St. Anton, der Talstation der Mendelbahn, aus. Auch hier lasse ich eine Teilnehmerin selbst berichten: „Durch Wald und Felsengelände, unter Tunnels hindurch zieht sich die Mendelbahn von St. Anton bei Kaltern bis hinauf auf den Mendelpass (1362 m). Dabei überwindet die Bahn in einer zwölf Minuten langen Fahrt 854 Höhenmeter und eine Steigung zwischen 57 und 64 %. Mit einer Strecke von 2370 m ist sie die längste und steilste Standseilbahn Europas. Die Bahn wurde von einem Schweizer Ingenieur in nur 14 Monaten gebaut und ist seit 1903 in Betrieb. Oben am Mendelpass angekommen, hatten wir einen wunderschönen Blick auf die Berge und hinunter auf den Kalterer See. Es gibt dort Hotels, in denen früher Kaiser und Könige einkehrten. Einige von uns wanderten auf dem Mendelpass und entdeckten einen besonders hohen Ameisenhaufen im Wald. Wir anderen gingen zum Shoppen.“

Ein guter Ausgleich: Eine Gruppe promeniert in der Sonne hoch oben auf dem Berg, eine Gruppe bevorzugt in der Tiefe des ebenfalls sonnenbeschienenen Kalterer Sees das Wasser und unsere Gruppe hält sich in der goldenen Mitte auf und erforscht, ob im durch die Südtiroler Sonne verwöhnten Wein die Wahrheit liegt.

Auch am letzten Abend beschäftigten wir uns mit der Realität im Land. Wir hatten Besuch von Mitgliedern des Südtiroler Elternverbandes hörgeschädigter Kinder und der Südtiroler CI-Gemeinschaft und konnten so einiges über die Unterschiede in der Hörgeschädigtenszene zwischen Südtirol und Deutschland erfahren. Übrigens waren wir während der gesamten Reise hervorragend mit Technik für Hörgeschädigte versorgt. Und nicht nur das: Auch die gut Hörenden bekamen bei Bedarf Kopfhörer. Danke an Margit Gamberoni, dass sie so gut für uns alle gesorgt hat. Wenn sie im fahrenden Bus sprach, drehte sie sich stehend zu uns, so dass die, die wie ich auf das Absehen angewiesen sind, hervorragend verstehen konnten.

Realität war auch: Nach Deutschland zurück ging es am nächsten Tag über Bozen und wieder gab es Stau. Aber wir gaben uns wunderschönen Erinnerungen hin.


Gruppenfoto im Treppenhaus der Hotels "Bellevue" in Meran.

Text: Irmgard Schauffler mit Elke Maier und Uschi Wendlandt
Fotos: Karl Schloddrick


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