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Lautstark-Talk

Wenn nach taub auch noch blind kommt – Leben mit dem Usher-Syndrom

„Danke, dass ich mit dabei sein durfte!“

Ein Bericht von der DCIG-Blogwerkstatt

15. Mai 2021

Vom Suchen und Finden nach dem „Ich“ als Cochlea-Implantatträgerin

Wurdest du schon mal in eine Schublade gesteckt? Oder hast du womöglich selbst jemanden, vielleicht aufgrund von Vorurteilen, in eine Schublade gesteckt? Das fragt CI-Trägerin Sabrina Franze und sagt: „Auch ich habe das schon getan.“ Warum passiert das? 

Wir übertragen manchmal (unbewusst) unsere eigenen Träume, Wünsche und Vorstellungen auf andere, und vergessen dabei, dass Menschen so individuell wie unsere Fingerabdrücke sind. Von Natur aus fällen wir Urteile, weil wir uns oft nicht in den anderen Menschen hineinversetzen können. Die eigene Perspektive ist nicht die Einzige, die es gibt.

Menschen mit Hörbeeinträchtigungen werden oft in Schubladen gesteckt, wusstest du das? Schnell verurteilt man sie, wenn z.B. der Dialog nicht klappt, als „komisch“ oder „dumm“. Woran mag das wohl liegen? Eine Hörbeeinträchtigung ist etwas Unsichtbares. Wir können sie nicht sehen und dementsprechend fehlt die Vorstellungskraft zu verstehen, wie sich diese Beeinträchtigung anfühlt. Hinzu kommt, auch hier wieder die Individualität. Eine Hörbeeinträchtigung ist nicht gleich Hörbeeinträchtigung, ob von Geburt an oder später erworben. Ich kann dir sagen, ich selbst blicke da manchmal nicht mehr durch, obwohl ich selbst von betroffen bin. (Umso mehr Betroffene Menschen ich kennenlerne, umso mehr sehe ich, dass wir uns selbst in diverse Schubladen stecken.) Wie schwer mag es dann für einen Menschen sein, der nicht unter dieser unsichtbaren Beeinträchtigung leidet. Auch das habe ich im Laufe der letzten Jahre oft erlebt.

Durch meine Selbstbetroffenheit, meinen Beruf und meiner ehrenamtlichen Arbeit habe ich viele solcher individuellen Menschen mit Hörbeeinträchtigung kennengelernt.

Was macht das mit diesen Personen, die in solche Schubläden gesteckt werden? Menschen ziehen sich meistens zurück und distanzieren sich von Situationen, die sie noch mehr Kraft kosten.

Was macht das nun mit einem selbst? Unser Individuum kann sich nicht mehr (weiter) entfalten. Dabei ist das Erlangen unserer Identitätsentwicklung
wichtig, um auch u.a. die eigene Beeinträchtigung anzunehmen und zu verstehen.

Was bedeutet Identität für dich? Meine Identität ist das, was mich zu einer einzigartigen Persönlichkeit macht, die sich von allen anderen Menschen unterscheidet. Kennst du das Statement: „Sei Pippi und nicht Annika“? Viel besser würde klingen: „Sei nicht Pippi und auch nicht Annika, sei du selbst“. Dein eigenes ich, die Liebe zu dir selbst, an der wir Tag für Tag (neu) arbeiten können.

In Bezug auf die Hörbeeinträchtigung wird der Zusammenhang oft mit den Begrifflichkeiten (ich nenne sie mal provokant gesagt): hörend, schwerhörig und gehörlos/taub dargestellt, weil auch hier die Lebenskultur eine große Rolle spielt.
Ich selbst habe große Probleme mich in diesen Schubladen unterzubringen, auch wenn ich mich versuche immer zu definieren. Woran mag das liegen? Ich bin Cochlea-Implantatträgerin (*Hörprothese, für (er-)taub(te) Menschen), das heißt ich bin klinisch taub, kann also nichts hören. Trage ich sie, bin ich hörend, aber auch nicht normalhörend. Ich spreche die Lautsprache, genauso aber auch die Gebärdensprache, weil ich beides zur Kommunikation brauche. Verwirrend? Ja absolut, auch für mich! Und jetzt befinde ich mich in einer großen Lücke! Wie soll ich also mein Individuum finden, meinen Bedürfnissen gerecht werden, ohne mich in eine Schubladenzugehörigkeit zu stecken?

Anderes Beispiel: immer öfter erlebe ich, wie andere Entscheidungen für mich (in Bezug auf die Schublade „hörend“ und „taub“) treffen. Diese Situationen sind für mich sehr, sehr schwer. Oftmals habe ich keine Möglichkeit mein Individuum zu entfalten und meine Bedürfnisse zu äußern, weil ich schon vorab in diese Schublade gesteckt wurde. Es wird einfach davon ausgegangen, dass ich den Schriftdolmetscher besser verstehe als den Gebärdendolmetscher, da die Schriftsprache meiner Muttersprache gleichgesetzt ist. Woher wissen die Menschen das denn jetzt so genau? Gefragt wurde ich nicht. Und auf das Bedürfnis meiner erleichternden Kommunikationsmethode (die ich wähle z.B. die Gebärdensprache) wird nicht eingegangen.

Beim Suchen und Finden nach dem Ich, geht es nicht darum, von anderen oder mich selbst in Schubladen zu stecken. Identität ist ein Prozess, in dem man nicht stehen bleiben sollte. Erlaube es dir also, dich selbst zu entfalten.

Und genau das bin ich.

Sabrina.

Mit Cochlea Implantaten, mit Lautsprache, mit Gebärdensprache, mit meiner Erkrankung XLH, mit Authentizität, mit Individualismus, mit Akzeptanz, mit Mut, mit Vertrauen, mit Dankbarkeit und mit Entschlossenheit einfach NUR ICH zu sein.

 

 Text und Fotos: Sabrina Franze


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