14. September 2018

CI-Kongress in Hannover: Freudige Aussichten

Restgehörerhalt, einseitige Taubheit und eine neue Hörklinik für Hannover: Das waren die Themen auf dem 20. CI-Kongress der MHH.

Die Medizinische Hochschule Hannover (MHH) hatte Ende August gleich doppelt Grund zum Feiern: der CI-Kongress der HNO-Klinik der MHH fand bereits zum 20. Mal statt und das Deutsche HörZentrum Hannover (DHZ) wurde 15 Jahre alt. Das Jubiläum leitete Professor Thomas Lenarz, Direktor der HNO-Klinik und des DHZ der MHH, mit einem noch größeren Rückblick ein: nämlich auf die Anfänge der CI-Versorgung in Deutschland. Denn als 1984 noch Geld aus dem Budget für Herztransplantationen übrig war, konnte Lenarz’ Vorgänger Prof. Ernst Lehnhardt dieses für die noch neue Erfindung Cochlea Implantat verwenden. Mit Inge Krenz († 2018) fand sich eine erste mutige Patientin, die – erfolgreich implantiert – sich anschließend in der Patientenselbsthilfe engagierte und unter anderem mit Patientin Nummer vier, der ehemaligen Schnecke-Chefredakteurin Hanna Hermann, die Deutsche Cochlea Implantat Gesellschaft e.V. (DCIG) mit aufbaute. Und auch die Kinder-CI-Reha fand mit Dr. Bodo Bertram in Hannover seine Anfänge, die schließlich im nahegelegenen CI Wilhelm Hirte ein Zuhause fand.


Schneckentorte: Prof. Lenarz erklärte beim Tortenanschnitt scherzhaft den Aufbau einer Cochlea. 

Auch nach dieser Pionierarbeit vor mehr als 30 Jahren werden Forschung, Versorgung und Reha in Hannover nach wie vor vorangetrieben, unter anderem in Zusammenarbeit mit den Herstellern. Und das soll auch in Zukunft so bleiben. Damit der Austausch untereinander noch besser gelingt, plant Lenarz seit Jahren eine Hörklinik, in der alle Aktivitäten rund um die Hörversorgung und Nachsorge räumlich zusammengeführt werden können. Doch bislang stagnierte das Projekt. Umso willkommener waren die Grußworte von Niedersachsens Wissenschaftsstaats-Sekretärin Sabine Johannsen (im Foto links), brachte sie doch als Geschenk unterstützende Worte mit: Sowohl der Minister als auch sie habe ganz großes Interesse an einer Realisierung einer solchen Hörklinik, „um den international sichtbaren Leuchtturm Hören und Cochlea-Implantate in Hannover zu halten und auszubauen“, betonte die Staatssekretärin. „Nehmen Sie uns beim Wort!“. Nach jahrelanger Hängepartie sieht sich Lenarz seinem Ziel nun deutlich näher.


Rund 150 Teilnehmer kamen zum CI-Kongress nach Hannover.

Wissenschaftliches Weißbuch für eine gesicherte Qualität
Gebündeltes Wissen gab es für die rund 150 Teilnehmer auch beim anschließenden Kongress-Programm. So berichtete Prof. Stefan Dazert (Bochum) von der Qualitätssicherung in der HNO. Rund 4.000 hochgradig schwerhörige und taube Menschen würden pro Jahr mit einem CI versorgt werden, Tendenz steigend. Mit dem Ziel einheitlicher Standards der CI-Versorgung für alle Patienten entwickelte die Deutsche HNO-Gesellschaft deshalb ein Weißbuch, das sie im Frühjahr auf ihrer Webseite veröffentlichte. Auch ein, wie Dazert betonte, „wissenschaftliches CI-Register“ wird mittlerweile vorangetrieben.

„Die CI-Versorgung ist ein komplexes, interdisziplinäres Gebiet, umso wichtiger ist es, dass es hier ein abgestimmtes Verfahren gibt“, sagte Dazert. Doch auch wenn die DCIG sich bei der Überarbeitung der CI-Leitlinien eingebracht hatte, war die Expertise der Selbsthilfeverbände bei der Ausarbeitung des nun veröffentlichten Weißbuches nicht hinzugeholt worden. Dazert versuchte diese Tatsache auf dem Kongress zu relativieren. Natürlich sei der „Input der Patienten aus den Selbsthilfegruppen enorm wichtig“, beantwortete der neue Präsident der HNO-Gesellschaft eine entsprechende Nachfrage aus dem Publikum. Aber man sei ja im Moment noch dabei, das Konzept zu entwickeln, erklärte Dazert. „Insofern wären wir dankbar, wenn Sie sich das anschauen und dann werden wir sehr gerne auch die Vorschläge und Anmerkungen mit Ihnen diskutieren.“

In Sachen Qualitätssicherung wusste auch Prof. Katrin Neumann (ebenfalls Bochum) einiges zu berichten, und zwar mit dem Fokus auf das Neugeborenen-Hörscreening. Wurde vor der bundesweiten Einführung eine beidseitige Hörstörung meist erst im Alter von mehr als zwei Jahren diagnostiziert, sank das Alter im Jahr 2012 auf rund sechs Monate, wie eine durch den G-BA beauftragte Evaluation ergab – ein klarer Erfolg. Doch bei der Qualitätssicherung des Screenings hapert es noch: Auskunft über die Screenings können in den meisten Bundesländern die eigens eingerichteten Hörscreening-Zentralen geben, wobei es in drei Bundesländern eine solche Zentrale gar nicht gibt, wie Neumann kritisierte. Auch die Art, wie und wo Daten über geborene und gescreente Kinder sowie die Screeningmethoden gesammelt werden, variiert von Bundesland zu Bundesland. Prof. Neumann empfiehlt Eltern zudem, Hörscreenings möglichst in pädaudiologischen Zentren durchführen zu lassen.


Im Gespräch: In so genannten Speed-Dates stellte Prof. Anke Lesinski-Schiedat Akteure der Selbsthilfe vor. 

Der Stoffwechsel und das Sprachverstehen
Immer kleiner, immer feiner würden die CIs werden, beobachtete Grußwort-Redner Vincent Puppe. Der 25-jährige Medizinstudent wurde bereits mit zwei Jahren mit einem Cochlea Implantat versorgt. Die Entwicklung hin zur Unsichtbarkeit der Geräte befürwortet der angehende Mediziner, sagt aber auch: „Man darf auch nicht die CI-Träger vergessen, die ihr CI stolz und gern sichtbar tragen“. An die Hersteller appellierte er, in der Weiterentwicklung auch öfter Rücksprache mit den CI-Trägern zu halten, was gut und wo noch Verbesserungsbedarf sei.


Angehender Mediziner: Vincent Puppe trägt selbst zwei Cochlea Implantate. 

Während sich der erste Tag vor allem um operative und qualitätssichernde Themen drehte, ging es am Samstag hauptsächlich um die Verarbeitung von (neu) Gehörtem. Wie trainiert man, wenn das eine Ohr schwächer als das andere ist? Und was tut man bei einseitiger Taubheit? Spannend waren vor allem die Einblicke, die Prof. Susan Arndt aus Freiburg lieferte. Sie zeigte anhand erster Studienuntersuchungen, wie eine Positronen-Emissions-Tomographie (PET) bei der Indikationsstellung helfen kann, wenn audiometrische Messungen keine eindeutige Aussage erlauben. Denn das PET-Verfahren veranschaulicht den Stoffwechsel der Hörrinde: Ist dieser aufgrund fehlender Stimulation durch die Hörschnecke niedrig, spreche dies für ein gutes Sprachverstehen nach Implantation. Zeige sich jedoch eine seitengleiche Stoffwechselaktivität, spreche dies eher für schlechte Erfolgsaussichten, da die Hörrinde in diesem Fall nach jahrelanger Taubheit andere Funktionen übernommen hat.

Die Vorträge zeigten: Unsere Sinne und ihr Zusammenspiel zu verstehen, das ist das Ziel dieser Forschung, sowohl in der Diagnostik als auch in der Nachsorge – und sie ist auch 34 Jahre nach dem ersten CI in Hannover noch lange nicht abgeschlossen. (ms)


Austausch auf allen Ebenen: Am Abend kamen die Teilnehmer bei Live-Musik zum gemeinsamen Ausklang zusammen.  

 

 


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