Vom 28. Juli bis zum 4. August 2017 ging es für 22 schwerhörige junge Leute auf große Reise – zum allseits beliebten Segeltörn auf dem Ijsselmeer in Holland. Die Bundesjugend schaffte es, dieses Jahr zum fünften Mal, eine wunderbare, erlebnisreiche und vor allem unvergessliche Segelfahrt auf die Beine zu stellen.

Los ging es am Freitag, wo sich alle Teilnehmer, deren Altersspanne von 14 Jahren bis hin zu Endzwanziger reichte, am Abfahrtshafen Lelystad trafen – viele zum ersten Mal aber genauso viele, die sich vorher schon kannten. Von außen betrachtet hätte es jedoch niemand bemerkt, wer sich gerade erstmalig sah und wer nicht, denn alle begegnet sich sofort so offen und herzlich, dass die „Neulinge“ sich direkt warm empfangen und willkommen fühlten. Ebenso unterschiedlich verhielt es sich mit dem Bezug zum Segeln, einige segelten zum ersten Mal, andere waren schon echte Matrosen. Auch zwei Schweizerinnen gaben sich die Ehre, eine Woche lang mit uns das unentdeckte „Flachland“ im Norden zu erobern. Nach der Ankunft, bei der wir noch etwas warten mussten, bis wir unser sehnsüchtig erwartetes Segelschiff auch von innen erkunden konnten, bildeten sich schnell Gruppen, die zusammen in die Hafenstadt zum Abendessen loszogen oder diese anderweitig erkundeten. Als wir gegen 22 Uhr endlich auf den Klipper „Allure“ durften, überfiel uns die Müdigkeit von der Reise. So bezogen wir die Kajüten, besprachen kurz erste Regeln und verschoben den Rest auf den Morgen danach.
Nach der ersten schaukligen Nacht in unseren Kojen am Hafen Lelystad segelten wir am nächsten Morgen energiegeladen und frisch – nach einigen Einweisungen sowohl von der Seite der Betreuer, als auch vonseiten unserer Kapitänin Zippi sowie dem Matrosen Phillipp – endlich los. Der erste Hafenstopp der Woche sollte Enkhuizen sein. Den ersten Segeltag verbrachten wir neben dem Segeln damit, uns näher kennenzulernen, die für die gesamte Woche eingeteilten Dienste von Abwasch über Kochen und Putzen wahrzunehmen und an Deck die Sonne zu genießen. Trotz des bei Seglern berüchtigten wechselhaften Wetters hatten wir während der ganzen Woche sehr viel Sonnenschein und warme Temperaturen. Doch auch ein, zwei kräftige Windböen und ein kurzer, kräftiger Regenschauer auf der See konnten unsere Stimmung nicht trüben. Bisweilen erreichten Windstärken – auch ohne Vorwissen schnell an den Lampen unter Deck erkennbar – einige ungeahnte Höhen, sodass auch den einen oder anderen Rüstigen die Seekrankheit überfiel, die sich jedoch schnell nach Ankunft am nächsten Hafen wieder legte.



Unsere Segeltour zeichnete sich insbesondere auch wegen der unberechenbaren Wetterumschwünge auf dem Ijsselmeer und den danach ausgerichteten Strecken, durch sehr viel Spontaneität und Flexibilität aus, die aber aufgrund der hervorragenden Gruppendynamik nie für Komplikationen oder Meinungsverschiedenheiten innerhalb der Gruppe sorgten. Während wir in der Woche neben der Hafenstadt Enkhuizen nacheinander die Städte Medemblik, Hoorn, Volendam/ Edam und einer kleinen Bucht bei Urk ansteuerten, wo wir zum Abschluss der Woche den Geburtstag unseres Matrosen gebührend feierten, packten alle begeistert beim Segeln an. Der Spaß kam während der Woche definitiv nie zu kurz. Gags innerhalb der Gruppe und lustige Aktionen wie das Schwimmen im Ijsselmeer bei 15 Grad Außentemperatur, missglückte Kochversuche (Kartoffelpuffer für 24 Leute!!!) oder Spiele, wie Stille Post für Schwerhörige, trieben uns nicht selten Lachtränen in die Augen.
Auch Ausflüge wie eine 36 km lange Radtour auf die Insel Marken und zurück bei bestem Sommerwetter, der Besuch des Edamer Käsemarktes und der nächtlichen Kirmes mit Besteigen der gefürchtetsten Fahrgefährte oder das abendliche Streifen durch die schönen Hafenstädte Hoorn und Enkhuizen, ersteres bei einem atemberaubenden Sonnenuntergang, füllten eine Woche, die viel zu schnell vorüberging. Das berüchtigte Mörderspiel wurde so oft wie selten gespielt, da die Mörder in diesem Jahr äußerst aktiv und raffiniert waren und täglich wenig Schlaf war in der Summe grundsätzlich schon viel Schlaf…Bob Marley alias Christian konnte ein Lied davon singen. Verständlich also, dass nach der Rückkehr an den Hafen Lelystad und der Verabschiedung von unserem Schiffshund Püppi sowie der Crew mehr als nur ein wenig Wehmut aufkam, dass der Törn schon vorbei war!

Was haben wir also insgesamt gelernt? Nicht nur viel über das Segeln und über Holland, sondern unheimlich viel über uns selbst. Warum? Im Alltag haben die meisten von uns ausschließlich mit Hörenden zu tun. Oft fällt eine schnelle und unkomplizierte Integration in sogenannte peer groups schwer, gegenseitiges Missverständnis und Unverständnis sind nicht selten. Auf dem Segeltörn haben wir gelernt, dass es okay ist. Hier fand genau das statt, was uns im Alltag weniger häufig begegnet – wir wurden direkt und kompromisslos in die Gruppe aufgenommen, jeder ist dem anderen mit Respekt und Achtung begegnet und Kommunikation verlief ausnahmslos immer reibungslos. Es wurde sowohl gebärdet als auch verbal kommuniziert, diejenigen unter uns, die keine Gebärdensprache beherrschen lernten von den Gebärden-Profis.

Unabhängig von dem jeweiligen Grad der Hörschädigung half jeder in der Gruppe sich dabei, uneingeschränkt an allen Gesprächen teilnehmen zu können, sodass keiner das Gefühl hatte, etwas zu verpassen. Durch die vielen intensiven Gespräche untereinander, die an und unter Deck während des Segelns oder beim nächtlichen Chillen auf dem Deck, am Hafen in Schlafsäcken nie zu kurz kamen, haben wir nicht nur die News zur Technik des CI´s bzw. der HG´s austauschen können, sondern vielmehr auch, wie es uns gerade geht. Und dazu haben wir viele neue Bekanntschaften und Freundschaften schließen können, die weiterhin bestehen bleiben nicht nur in einer vollzähligen WhatsApp.Gruppe. Insgesamt also Balsam für Körper (!!! vom Tauziehen gestählte Muskeln!!!) und Seele, diese Segeltour! In diesem Sinne: Ahoi und auf ein Neues!

Mara-Catarina de Matos Schenk und Eileen Adler


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