28. Januar 2016

Erfahrungsbericht - „Da ist eine Ampel im Garten“

Jedes hörgeschädigte Kind hat Anspruch auf pädagogische Frühförderung. Doch auch die Eltern selbst sind gefragt.

Meine Tochter Miriam kam am 2010 auf die Welt – normalhörend. Das Neugeborenen-Hörscreening war unauffällig. Mit eineinhalb Jahren griff sie sich dann immer wieder ans Ohr. Ich vermutete eine Mittelohrentzündung. Der Kinderarzt konnte nichts feststellen. Erst eine BERA-Untersuchung brachte Gewissheit: Miriam ist an Taubheit grenzend schwerhörig. Die Ursache ist bis heute unklar. Nach der Diagnose ging für mich persönlich die Welt unter. Ich stand unter Schock. Von einem Moment auf den anderen hatte ich ein behindertes Kind. Es fühlte sich an, als ob jemand stirbt. Doch anders als bei einem Todesfall gab es keinen Seelsorger, der mich aufgefangen hätte. Rückblickend, lässt sich sagen, hat mir in diesem Moment die psychologische Unterstützung gefehlt. Miriam erhielt Hörgeräte. Dadurch kam sie aber nur auf dem linken Ohr in den Sprachbereich. Nach reiflicher Überlegung entschieden mein Mann und ich uns im August 2013 für eine CI-Versorgung auf dem rechten Ohr und 2015 auf dem linken.

Ich meldete Miriam außerdem zur Frühförderung an. Von da an ging es aufwärts. Die Frühförderin kommt alle zwei Wochen zu uns nach Hause oder besucht Miriam im Kindergarten. Die Pädagogin bereitet die Therapie spielerisch vor, etwa mit einem Bilderlotto. Sie zeigt Miriam ein Bild und erklärt ihr, was sie sieht. Auf diese Weise übt sie mit meiner Tochter das Hören und Verstehen. Miriam mag gern Bücher und Rollenspiele.

Die Erfahrungen, welche die Frühförderer an mich weitergeben, sind besonders im Alltag hilfreich. Dazu gehört das Von-den-Lippen-Ablesen oder dass das Licht stimmen muss. Von unserer Frühförderin bekam ich auch den wertvollen Tipp für ein Fotobuch. Mit diesem kann ich Miriam zum Beispiel ein Foto von der Oma zeigen. Dadurch weiß sie beim Verlassen des Hauses, dass wir die Oma besuchen gehen. Von der Frühförderin bekomme ich also viel Input für zuhause.

Zusätzlich gehe ich mit meiner Tochter einmal im Monat in die Eltern-Kind-Gruppe. Dort singen, basteln und essen wir alle miteinander. Der Austausch mit anderen betroffenen Eltern hilft mir sehr. Heute ist Miriam fünf Jahre alt, besucht einen Regelkindergarten und hört gut. Sie spricht im Moment wie eine Zweijährige, doch sie ist auf einem sehr guten Weg. Ihr Wortschatz erweitert sich täglich. Hinzu kommt, dass Miriam zur Logopädie geht und alle drei Monate für drei Tag in ein CI-Zentrum zur Reha. Regelmäßig treffe ich mich mit der Frühförderin, der Logopädin und den Erziehern. Diese Vernetzung von Fachleuten bringt uns weiter. Die Voraussetzung dafür ist aber auch, dass die Eltern sich einbringen und mitmachen.

Zu Hause kommuniziere ich mit Miriam bilingual. Ich spreche mit ihr und gebärde dazu. Diese lautsprachbegleitenden Gebärden helfen uns beiden. Denn beim Schlafen, morgens im Bad oder beim Schwimmen möchte Miriam keine CIs tragen. Heute kommen wir mit der Hörschädigung den Umständen entsprechend zurecht und albern auch mal herum: Ich sage und gebärde „Da ist eine Ampel im Garten“. Natürlich weiß meine Tochter, dass ich meine „Da ist eine Amsel im Garten“ und sie lacht herzlich über den Spaß.

Die Gebärdensprache habe ich über Bücher, CDs und einen Hausgebärdensprachkurs gelernt, aber die Lautsprache wird immer meine Muttersprache bleiben. Sollte Miriam irgendwann mal in die Deutsche Gebärdensprache wechseln wollen, wäre das für mich und meinen Mann in Ordnung. Und wir freuen uns, dass wir nun auch mal der Frühförderin etwas zurückgeben können: Denn sie möchte sich in Zukunft mit der Gebärdensprache vertraut machen, damit sie unsere Tochter und andere hörgeschädigte Kinder noch umfassender unterstützen kann.

 

Ines Weiler, Reute (Schnecke Nr. 90) 

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