September 2015

„Ein lokales Problem, das sich zum Flächenbrand entwickeln kann“

In Mitteldeutschland macht ein Brandbrief Furore. Auslöser ist das CI-Angebot einer Privatklinik in Leipzig.

Alle mit dem Thema Hören befassten Fachärzte in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen erhielten im Frühjahr ein alarmierendes Schreiben. Es trägt zwölf Unterschriften und enthält eine dringende Warnung. Nämlich: unbedingt darauf zu achten, dass die „dezidiert festgelegten“ Leitlinien zur „Sicherung der Qualität“ in der Cochlea-Implantat-Versorgung strikt eingehalten werden. Das klingt nach Gefahr im Verzug.

Warum war diese Warnung notwendig? Im Brief ist vage von einem „gegebenen Anlass“ die Rede. Die Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie werden sodann detailliert wiedergegeben, verbunden mit der Garantie, an den im Briefkopf genannten Institutionen - Kliniken und Reha-Zentren - würden diese Leitlinien beachtet. Fett gedruckt folgt der Satz:

„Wir möchten ausdrücklich darauf hinweisen, dass eine CI-Versorgung außerhalb dieser Strukturen  von uns und den Kostenträgern als unzureichend angesehen wird und daher nicht empfohlen werden kann.“

Eine Liste der empfohlenen Adressen liegt bei. Mit „Kostenträger“ sind die Krankenkassen gemeint.

Den Briefkopf zieren die Logos der CI-Zentren an den Universitätskliniken Dresden, Leipzig, Jena und Halle (Saale), der CI-Zentren Thüringen und Magdeburg, der Helios-Klinik Erfurt, des Ameos-Klinikums und des Cecilienstifts in Halberstadt.

Doch was ist der „gegebene Anlass“?

Er findet sich auf der Webseite der in Leipzig ansässigen, privat geführten „Acqua-Klinik“. Dort wird unter „Services - Ohren“ auch ein „CI Cochlea Implant Program (CIP)“ angeboten, mit dem ausdrücklichen Hinweis: „Nur drei Operateure führen den Eingriff in der ACQUA Klinik durch, um durch eine genügend hohe Fallzahl die notwendige Routine zu erhalten.“

Die Acqua-Klinik wirbt im Internet mit ihrem „Hightech-Cockpit für HNO-Chirurgie“ und Fotos lächelnder Mitarbeiterinnen, die wie Flugbegleiterinnen anmuten. Die „Wirtschaftswoche“ bestaunte schon 2012 die hochtechnisierten OP-Räume der Klinik und beschrieb ein „Operieren wir am Fließband“. Das Magazin „BrandEins“ ließ sich 2014  von der hier praktizierten „Chirurgie des Häufigen“ beeindrucken und zitierte Klinikleiter Professor Gero Strauss mit der Bemerkung, Arzt-Sein und unternehmerisches Denken als Widerspruch zu sehen, „ging mir immer gegen den Strich“.

Die Acqua-Klinik hat sich darauf spezialisiert, Routine-Operationen computergelenkt durchzuführen. Den Chirurgen kommt dabei eine ähnliche Aufgabe zu wie Piloten in modernen Jets.  Das Geschäftsmodell ließe sich auf den Punkt bringen: Standardisierung und Automation sparen Zeit und senken Kosten. Niedrigere Kosten bedeuten höheren Gewinn.

Ohne Anbindung an ein Reha-Zentrum?

Professor Roland Laszig ist Generalsekretär der Deutschen HNO-Gesellschaft und unterstützt in dieser Eigenschaft die Warnung der mitteldeutschen CI-Zentren „ausdrücklich“.  Die in der Acqua-Klinik angebotene CI-Versorgung finde „fernab der Leitlinie“ statt, nämlich in ambulanten oder teilstationären Strukturen, „ohne dass eine Anbindung an ein CI-Rehazentrum bestand“ (jedenfalls zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Briefes).   

Für Laszig (der auch Mentor der Deutschen Cochlea Implantat Gesellschaft - DCIG - ist), stellt die deutsche CI-Rehabilitations-Versorgung ein „hohes Gut“ dar, „um das uns andere Länder beneiden.“ Im Übrigen sei Acqua auch im Krankenhaus-Bedarfsplan „meines Wissens nicht als Klinik geführt“.

Was Gero Strauss gegenüber der Schnecke einerseits bestätigt und andererseits relativiert: „Das ist ein eingeschworener Verein. Der geht sehr planwirtschaftlich vor.“ Er betont: „Wir haben eine Klinik-Konzession als sogenannte Privatklinik, stehen aber für alle offen.“ CI-Patienten blieben nach dem Eingriff für „mindestens eine Nacht“ in der Villa, in der die Acqua-Klinik residiert. Strauss: „Es wird die Zeit kommen, da man CI-Operationen tagesklinisch durchführt.“ Er wolle aber „kein Öl ins Feuer gießen.“

Mit den Kostenträgern, also den Kassen, arbeite man problemlos zusammen.  Die Kosten aller 37 bis Ende Juli 2015 in seinem Haus durchgeführten Cochlea-Implantierungen hätten die beteiligten Kassen anstandslos getragen: „Das müssen sie auch.“ Alle Patienten seien Erwachsene gewesen.

„Relativ geringe Vergütung“

Strauss spricht in diesem Zusammenhang von einer „relativ geringen Vergütung nach EBM“ (dem „Einheitlicher Bewertungsmaßstab“ für die Vergütung ärztlicher Leistungen). „Eine finanzielle Motivation“ habe er deshalb nicht, seit Anfang 2014 auch CI-Versorgungen anzubieten. Sondern: „Hauptmotivation für das Programm ist die hohe Zahl von Patienten - mehr als zehn im Monat -, die wir in den Praxen unseres Praxisnetzes sehen und entsprechend versorgen möchten.“

Allen Patienten werde freigestellt, „sich in unserem Programm oder an einer anderen Klinik implantieren zu lassen“ und „die Rehabilitation unter stationären, teilstationären oder ambulanten Bedingungen zu absolvieren“. Bei der Reha arbeite man mit dem CI-lizenzierten Hörgeräte-Akustiker Michael Willenberg (im Hörzentrum Gromke, Leipzig) zusammen. Der wiederum kooperiere eng mit dem Uniklinikum Leipzig.

In der 17-seitigen Acqua-internen Anleitung für CI-Operationen heißt es, jedenfalls in der Fassung vom 2. Juni 2015, in Kapitel 7 unter der Überschrift „Postoperative Basis- und Folgetherapien“ in der Tat ausdrücklich: „Die CI-Versorgung erfordert eine lebenslange Nachsorge.“ Die Art und Weise dieser Nachsorge wird dort detailliert vorgeschrieben.

„Wer eine Sache häufig macht, der macht sie besser“

Hintergrund des Konfliktes zwischen Strauss und der Vereinigung etablierter deutscher CI-Kliniken und -Rehazentren ist offenbar die allgemein für notwendige gehaltene Aktualisierung der Leitlinien zur CI-Versorgung. Der gegenwärtige Zustand lässt nach Überzeugung von Ärzten und Therapeuten zu viel Raum für Interpretationen der notwendigen Dauer und Intensität der Betreuung von CI-Trägern. Das Vorgehen der Acqua-Klinik sei, so Laszig,  zwar nur ein „lokales Problem, das sich aber durchaus zu einem Flächenbrand entwickeln kann.“

Angesichts der stetig steigenden Zahl älter werdender CI-Träger sähen die Kliniken „auf sich zukommen, dass sie an Leistungsgrenzen stoßen“. Laszig: „Wir brauchen eine dezentrale Versorgungsstruktur für die Langzeitnachsorge.“ Deren Qualität müsse unbedingt durch klare Vorgaben und Lizenzvergaben gesichert werden. Was momentan nicht der Fall sei.

Und Automation hin oder her: Grundsätzlich sei jeder Patient gut beraten, sich CI-erfahrenen Chirurgen und Therapeuten anzuvertrauen: „Wer eine Sache häufig macht, der macht sie besser.“

Dem dürfte auch Gero Strauss nicht widersprechen. Auch er betont, siehe oben, die Bedeutung der Routine.

So gesehen wirkt die Zahl von bis dato 37 in seiner Klinik - Praxis? - gesetzten Cochlea-Implantaten noch nicht besonders eindrucksvoll. Die Vereinigung der CI-Zentren akzeptiert nur Kliniken in ihren Reihen, die mindestens 50 CI-Operationen durchgeführt haben. Strauss räumt ein: „Wir haben relativ kleine CI-Fallzahlen, klar.“ Aber die operierenden Chirurgen brächten viel Erfahrung bei anderen Operationen am Ohr mit.

Strauss hat sich zwar über das Schreiben der Kliniken und Rehazentren spürbar geärgert, aber er habe, so sagt er,  nicht darauf reagiert, „da es auch nach gründlichem Lesen keinen Hinweis auf unsere Klinik enthält.“ Er sei allerdings  davon ausgegangen, dass „wenigstens einer der Autoren die Kraft für einen direkten Kontakt gehabt hätte. In diesem Fall habe ich mich wohl getäuscht.“ (uk, aus: Schnecke Nr. 89 )

 


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