09.02.2016

Inklusion oder Illusion?

Die aktuelle Diskussion über Inklusion basiert vor allem auf der von Deutschland ratifizierten UNO-Charta. Benachteiligte Menschen sollen besser integriert werden, doch das funktioniert nicht immer. Viele Menschen mit Behinderung bleiben noch auf der Strecke.

Das Übereinkommen der Vereinten Nationen über die Rechte von Menschen mit Behinderung (2008) (im Folgenden: UN-Behindertenrechtskonvention) hat die Aufgabe und das Ziel, über die Institutionen der Signaturstaaten (Ratifizierung durch die BRD, 2009) Veränderungen der gesellschaftlichen Position behinderter – und somit auch hörgeschädigter – Menschen herbeizuführen. Neben den Normsetzungen zur Kommunikation (z. B. dem Recht und Anspruch auf Verwendung der Deutschen Gebärdensprache in Bildungs- und Beschäftigungskontexten) ist „das Recht auf die Möglichkeit, den Lebensunterhalt durch Arbeit zu verdienen … (UN-Behindertenrechtskonvention, 2008, Artikel 27, (1))“ von zentraler Bedeutung für die Inklusion hörgeschädigter Menschen.

Die Datenlage
Die Anzahl der hörgeschädigten Personen kann aufgrund unzureichender Datenlage lediglich auf Basis der Schwerbehindertenstatistik auf ca. 114.000 Individuen (Statistisches Bundesamt, 2009, Tabelle 1.3) im erwerbsfähigen Alter (15-65 Jahre) geschätzt werden. Erwerbsfähige Personen sind dabei nicht identisch mit Erwerbspersonen. Als solche versteht man die Gesamtheit aller unselbstständig, selbstständig und mithelfend Erwerbstätigen von 15-65 Jahren einschließlich der Arbeitsuchenden. Pfaff (2006, S. 1271) nennt hierzu folgende Gesamtquoten: Von den behinderten Menschen im erwerbsfähigen Alter sind 50,1 Prozent Erwerbspersonen versus 75,9 Prozent bei nichtbehinderten Menschen.

Hochgerechnet ergibt sich eine Anzahl hörgeschädigter Erwerbspersonen von 50-60.000. Die Arbeitslosenquote hörgeschädigter Menschen ist zurzeit nur über diverse Einzeluntersuchungen zugänglich. Die aktuellste (n = 2.212 Erwerbspersonen) nennt eine Quote von 15 Prozent (Weber & Schlenker-Schulte, 2011). Diese Quote entspricht der Arbeitslosenquote der schwerbehinderten Erwerbspersonen (14,8 Prozent) zum identischen Erhebungszeitraum (Bundesagentur für Arbeit, 2011, S.143).

Die von Strauß (2012) durchgeführten Sekundäranalysen belegen, dass die Arbeitslosenquoten von allen behinderten Menschen deutlich höher sind als die Arbeitslosenquoten aller Erwerbstätigen. Es gibt Indizien, dass die Arbeitslosenquote hörgeschädigter Menschen höher ist als die schwerbehinderter Erwerbspersonen sowie Belege dafür, dass hörgeschädigte Menschen vermehrt auf SGB II – Leistungen (also Hartz IV) angewiesen sind.

Beschäftigung und Beschäftigungspflicht
Auch „… das gleiche Recht von Menschen mit Behinderungen auf gerechte und günstige Arbeitsbedingungen, einschließlich Chancengleichheit und gleichem Entgelt für gleiche Arbeit (...)“ (UN-Behindertenrechtskonvention, 2008, Artikel 27 (1), b)) ist zentral für die Inklusion hörgeschädigter Menschen in die Arbeitswelt.

Alle Arbeitgeber, die über mindestens 20 Arbeitsplätze verfügen, sind gesetzlich verpflichtet, fünf Prozent ihrer Arbeitsplätze mit schwerbehinderten Arbeitnehmern zu besetzen. Kommt ein Arbeitgeber dieser Beschäftigungspflicht nicht nach, so muss er eine Ausgleichsabgabe von 115 Euro bis 290 Euro monatlich pro nicht besetztem Arbeitsplatz bezahlen (vgl. Bundesarbeitsgemeinschaft der Integrationsämter 2011, S.11). Real ist eine durchschnittliche Besetzungsrate von 3,9 Prozent. Großunternehmen sowie Landes- und Bundesbehörden weisen höhere Besetzungsraten nach. An diesen Arbeitsplätzen erhalten die schwerbehinderten Arbeitnehmer den gleichen Lohn wie nicht behinderte Arbeitnehmer.
Integrationsprojekte beschäftigen mindestens 25 Prozent und höchstens 50 Prozent schwerbehinderte Menschen. Sie sind entweder wirtschaftlich selbstständige Unternehmen oder unternehmensinterne Integrationsabteilungen bzw. -betriebe und zahlen ortsübliche Löhne, gefördert aus der Ausgleichsabgabe. Für schwerbehinderte Menschen können sie als Brücke in den ersten Arbeitsmarkt fungieren.

Werkstätten für behinderte Menschen sind Sonderinstitutionen mit betreuenden Systemen für schwerbehinderte Menschen, die nicht, noch nicht oder nicht wieder den Anforderungen des allgemeinen Arbeitsmarktes genügen. Es gibt besondere Werkstätten für gehörlose, schwerhörige und taubblinde Menschen. Dort erhalten die Werkstattbeschäftigten keine ortsüblichen Löhne und wohnen oft werkstattnah und stadtfern.

Fazit
Hörgeschädigte Arbeitnehmer, Inklusion oder Illusion? Es gibt zahlreiche hörgeschädigte Arbeitnehmer, die in ganz normalen Unternehmen beschäftigt sind und dort einen Arbeitsplatz haben. Für diese ist die Inklusion keine Illusion, auch wenn die Kommunikation nicht immer perfekt funktioniert.

Es muss aber auch festgehalten werden, dass hörgeschädigte und andere schwerbehinderte Menschen deutlich häufiger und länger arbeitslos sind als andere Erwerbspersonen. Für diese Arbeitslosen ist die Inklusion in die arbeitende Gesellschaft sicher eine Illusion.

Die Wechselwirkung zwischen subjektiven und gesellschaftlichen Faktoren der Behinderung im Ablauf der Zeit muss bei jedem behinderten Menschen berücksichtigt werden. In Integrationsprojekten kann dies bei Integration von Arbeitsassistenz bzw. unterstützter Beschäftigung in Arbeitsprozessen auch für hörgeschädigte Werkstattbeschäftigte mit mehrfachen Behinderungen möglich sein. Da in Integrationsprojekten auch nicht behinderte Arbeitnehmer tätig sind und ortsübliche Löhne gezahlt werden, ist eine Arbeit in einem Integrationsprojekt gesellschaftsnaher und damit möglicherweise inklusiver. Vielleicht kann man auch Überlegungen anstellen, Werkstätten in Integrationsprojekte zu transferieren?

Werkstätten für behinderte Menschen mit ihren angeschlossenen Fördereinrichtungen können für manche hörgeschädigte Menschen in ihrer besonderen Individualität als schwer mehrfachbehinderte Menschen eine Lösung sein – aber bitte mitten in der Stadt.

Dr. phil. Hans Christoph Strauß, Dr. Inge Cremer und Prof. Dr. phil. Manfred Hintermair

Anmerkung: Der Artikel ist ein verdichteter Auszug aus: Strauß, H. Chr. (2012). Gehörlose und schwerhörige Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen – Inklusion oder Illusion? In: Hintermair, M. (Hrsg.) Inklusion und Hörschädigung. Heidelberg: Median-Verlag (mit ausführlichem Literaturverzeichnis).


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