27.September 2017

50 Jahre BAG Selbsthilfe: „Pioniere der Inklusion“

Die BAG Selbsthilfe feierte in Berlin ihr 50-jähriges Jubiläum. Zur Matinee am 22. September kam auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier


Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier mit dem Vorstand der BAG Selbsthilfe
© BAG SELBSTHILFE/A.Rippl

250 Gäste aus Verbänden, Politik und Vereinen kamen, um diesen besonderen Tag einer Organisation zu feiern, die exemplarisch für den Erfolg bürgerschaftlichen Engagements steht. Die Bundesarbeitsgemeinschaft Selbsthilfe von Menschen mit Behinderung und chronischer Erkrankung und ihren Angehörigen e. V., wie sie – etwas sperrig – heißt, oder auch abgekürzt: BAG Selbsthilfe, wird 50 Jahre alt. Am 5. Oktober 1967 als Bundesarbeitsgemeinschaft Hilfe für Behinderte gegründet, setzt sich die BAG Selbsthilfe seither für eine uneingeschränkte Integration und Teilhabe behinderter und chronisch kranker Menschen ein – und kann dabei auf viele Erfolge zurückblicken.

„Zusammen sind wir stark“, war die Kernidee, die zur Gründung der BAG 1967 führte. Sie gilt bis heute: „Die gegenseitige Unterstützung und Anerkennung ist das, was uns trägt“, betonte die Bundesvorsitzende der BAG Selbsthilfe, Hannelore Loskill, in ihrer Begrüßungsrede an diesem sonnigen Herbsttag in Berlin und verwies stolz auf die rund 120 Organisationen, deren Dachverband die BAG Selbsthilfe ist und zu denen auch die Deutsche Cochlea Implantat Gesellschaft e. V. (DCIG) gehört.

50 Jahre – und noch nicht am Ziel
„Wir sind inzwischen ein anerkannter Partner in vielen Bereichen“, fasste Loskill die 50 Jahre zusammen. So entsendet die BAG als Dachverband der Gesundheitsselbsthilfe unter anderem Patientenvertreter in den Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) sowie in das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen und führt jährlich Fachgespräche mit dem Bundespräsidenten und der Bundeskanzlerin.

Durch Aktivitäten wie diese konnte die BAG schon viele Impulse in die Politik geben, auf die der Bundesgeschäftsführer der BAG Selbsthilfe, Dr. Martin Danner, in seiner Rede hinwies. So entstand die Aussage „Es ist normal, verschieden zu sein“ von Bundespräsident Richard von Weizsäcker 1993 im Austausch mit der BAG Selbsthilfe, zu einem Zeitpunkt, als das Lebensrecht schwerstbehinderter Neugeborener öffentlich in Frage gestellt wurde. Auch die Ergänzung des Artikel 3 im Grundgesetz um den Satz „Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden“ ist auf das Engagement unter anderem der BAG im Initiativkreis Gleichstellung zurückzuführen.

Doch trotz aller Fortschritte, am Ziel sieht sich die BAG noch lange nicht. „Es ergeben sich immer neue Aufgaben“, sagte Loskill und führte aus: „Auf dem Weg zur inklusiven Gesellschaft sind wir bisher nur einen kleinen Schritt gegangen.“

„Keimzellen der Demokratie“
Die Arbeit der BAG Selbsthilfe lobte an diesem Tag auch der Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, der persönlich zur Geburtstags-Matinee kam. In seiner Rede, die viele Anwesende berührte, betonte er vor allem die Strahlkraft dieses Engagements. So stifteten Selbsthilfegruppen nicht nur Gemeinschaft und Lebensfreude, sondern wirkten auch in die Gesellschaft hinein. „Sie sind Keimzellen der Demokratie. Hier entstehen Impulse, Strukturen umzugestalten und für gemeinsame Rechte zu kämpfen“, sagte Steinmeier.

Die Selbsthilfe sei dabei immer auch ein Spiegel ihrer Zeit, führte der Bundespräsident weiter aus. So galten Menschen mit Beeinträchtigungen im Gründungjahr der BAG als „Objekte paternalistischer Fürsorge“, die Selbsthilfe habe sich gegen diese Bevormundung und Ausgrenzung gewehrt und einen Paradigmenwechsel in der Behindertenpolitik vorangebracht. „Sie alle hier im Saal sind Pioniere der Inklusion“, würdigte Steinmeier das mitunter jahrzehntelange Engagement der Anwesenden. 

Nachwuchs in der Selbsthilfe gesucht
Auch in Zukunft werde dieses Engagement unverzichtbar sein, appellierte der Bundespräsident weiter und kritisierte: „Es ist in unserem Land noch längst nicht überall normal, dass alle Menschen in ihrer Verschiedenheit dabei sein können, wenn sie das wollen. (...) Unser Miteinander wird noch immer behindert: von Barrieren in der Umwelt, aber auch von Barrieren in den Köpfen.“ Inklusion brauche eine Haltung der Offenheit und Solidarität. Das ließe sich nicht verordnen. Aber jeder, der sich in der Selbsthilfe engagiere, könne dazu beitragen, dass sie wachse, so Steinmeier.

„Deshalb braucht sie vor allem eines: Junge Menschen, die sich freiwillig engagieren“, sagte Steinmeier und hob dabei als Beispiel das Engagement junger Menschen mit Hörbehinderung hervor, die sich in sozialen Medien und in Blogwerkstätten austauschen. „Wirken Sie weiter hinein in die demokratische Debatte, erheben Sie Ihre Stimme und mischen Sie sich ein“, appellierte Steinmeier. „Sie sind es, die unsere Gesellschaft voranbringen.“ (ms)

Die Rede des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier anlässlich 50 Jahre BAG Selbsthilfe lässt sich hier nachlesen.

Mehr zur Jubiläums-Matinee lesen Sie hier. 


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