07. November 2017

„Wir sind laut!“

Zur fünften DCIG-Blogwerkstatt der Jungen Selbsthilfe kamen rund 40 Teilnehmer nach Kassel. Das Thema dieses Mal: „Im Fokus: Selbst-Bewusstheit und erfolgreiche Begegnungen. Tanztheater für hörgeschädigte Menschen“. Das Ergebnis verblüffte selbst den langjährigen Choreografen Roman Windisch.

„Leute, ihr seid der Hammer!“ Die Begeisterung am Ende der fünf Tage Intensiv-Workshop steht Roman Windisch ins Gesicht geschrieben. Soeben haben rund 40 Teilnehmer ihr selbst erarbeitetes Theaterstück vorgeführt. Trotz einiger Unterbrechungen, YouTuber Firas Alshater filmte das Ergebnis und stoppte dafür immer wieder die Aufführung, ließ sich keiner aus seiner Rolle bringen. Alle waren hochfokussiert, kein Kichern, keine vergessene Zeile, kein vergessener Einsatz. Alles saß.

Diese Fokussierung auf sich und das Wir, das war Ziel der diesmaligen Blogwerkstatt, die inhaltlich von den bisherigen Veranstaltungen abwich. Das Konzept für die fünf Tage lieferte dieses Mal Barbara Gängler, Sängerin, Komponistin und seit März 2017 Geschäftsführerin der DCIG. Sie war es, die – inspiriert durch den Dokumentarfilm „Rhythm Is It!“ über das Musik- und Tanzprojekt der Berliner Philharmoniker mit Sir Simon Rattle und Royston Maldoum – den Choreografen und Dozenten Roman Windisch ausfindig machte und für die Blogwerkstatt gewann, während DCIG-Vizepräsidenten und Initiator der Blogwerkstatt, Oliver Hupka, bei der Organisation der fünf Tage unterstützte.

Seit 2015 organisiert Hupka die Blogwerkstatt. Ursprünglich als einmaliges Event zum Start des Blogs „Deaf Ohr Alive“ geplant, findet das Treffen der Jungen Selbsthilfe mittlerweile zweimal im Jahr statt. Die Blogwerkstatt 6 im österreichischen St. Jakob und Blogwerkstatt 7 sind bereits in Planung, und auch am Konzept der Blogwerkstatt 8 wird bereits gearbeitet. Die Nachfrage nach den Treffen ist groß. Von ursprünglich 16 Teilnehmern ist die Gruppe auf 40 bis 50 gewachsen. Insgesamt zehn neue Gesichter sind auch in Kassel wieder dabei und werden schnell aufgenommen in die „Familie“.

Teamarbeit stand im Fokus
Vier Tage lang arbeiteten Barbara Gängler und Roland Windisch intensiv mit den Teilnehmern und forderten dabei viel körperlichen, aber auch kreativen Einsatz, etwas, das nicht jedem gleich leicht viel. Das Besondere dabei: Keiner wurde dabei bloß gestellt, keiner aufgrund von Vorkenntnissen oder Talenten in den Vordergrund gestellt. Etwas, das auch Oliver Hupka am Ende des Workshops lobend hervorhob: „Für mich war beeindruckend, dass die Rollen gerade nicht nach Können eingebracht wurden, sondern jeder mitmachen konnte“.

Teamarbeit war von Anfang an gefragt. Und schnell legten die Teilnehmer ihre Scheu vor den anderen und vor allem vor den ungewohnten Situationen ab. Tanzen mit einem Luftballon, Tanzen mit fremden Personen, Pantomime, Improvisationsübungen, kurze Aufführungen vor der Gruppe – spätestens am dritten Tag fiel das kaum noch einem schwer. So schnell war das Vertrauen in die Gruppe, in die Leiter und in sich selbst gewachsen.

Geprobt wurde dabei in echten Proberäumen, zunächst vom Staatstheater Kassel, später in Räumen des Kulturhauses Dock 4, einem Produktions- und Aufführungsort der freien Kulturszene Kassel. Auch der Besuch einer professionellen Probe im Staatstheater Kassel stand auf dem Programm. Am Montagabend ging es nach einem zweistündigen Improvisationsworkshop mit Thomas Hof, Leiter des Jungen Staatstheaters, Schauspieler und Theaterpädagoge, in den Theatersaal zur Probe von „Der satanarchäolügenialkohöllische Wunschpunsch“, wo die Schauspieler die Szenen erstmals am Stück auf der großen Bühne aufführten.

„Den roten Faden behalten“
War das Ziel der Tanztheaterreise in den ersten zwei Tagen vielen noch unklar, verdichteten sich die einzelnen Übungen mit jedem weiteren Block hin zu einem großen Ganzen. Vier Gruppen erarbeiteten schließlich aus je einem Schlagwort – Gegensätze, Romantik, Symbol und Fokus – fünf Sätze, aus denen sie je eine eigene Choreografie entwickelten, die wiederum Roman Windisch gekonnt zu einem einzigen Theaterstück zusammenführte. „Den roten Faden behalten“, war dabei eine Zeile aus dem Stück, die auch auf den Workshop als Ganzes zutraf. Auch die Zeilen „Wir sind laut“ und „Ich will 150-prozentige Aufmerksamkeit“ wurden nicht erst bei der Aufführung mit Leben gefüllt und fassten die Gefühle der Gruppe ebenso zusammen wie die Erkenntnis im Stück: „Wir sind gleich, denn wir sind alle anders“.

Dass das Konzept so aufgehen würde, davon zeigte sich auch Barbara Gängler überrascht: „Am Anfang hatten mehr oder weniger alle Schwierigkeiten, sich richtig auf die Situationen einzulassen. Und jetzt sind alle so drin, dass man sie zehn Mal unterbrechen kann, sie bleiben drin und machen weiter. Damit habe ich so nicht gerechnet. Das finde ich einfach nur beeindruckend!“ Gänglers Fazit aus den fünf Tagen: „Wenn die Leute das tun, was aus ihnen selbst heraus kommt, dann wird es richtig gut und überzeugend.“

Ähnlich positiv fiel auch die Resonanz unter den Teilnehmern aus. Eine Spontanumfrage am letzten Tag ergab, dass fast alle an einer Fortsetzung des Kurses teilnehmen würden. Damit ist ein Teil 2 des Tanztheater-Workshops gesetzt. Norma aus Bremen gefiel vor allem die viele Gruppenarbeit, etwas, das auch Tilmann aus Baden-Württemberg lobte: „Dadurch, dass man immer wieder in neuen Gruppen war, war man gezwungen, stets was Neues auszuprobieren. Das hat echt Spaß gemacht!“ (ms)

Mehr zur Blogwerkstatt 5 gibt es auf der Webseite von Deaf Ohr Alive zu lesen:
Hier
Hier
Oder hier

Bildergalerie (Fotos: Marisa Strobel)


Der Mix macht`s: Teilnehmer wie Marvin dolmetschten Choreograf Roman Windisch in Gebärdensprache. 


Gemeinsame Sport- und Dehnübungen gehörten zur täglichen Routine. 


Jeder Luftballon ein Wunsch: Aus gewöhnlichen Gegenständen entwickelten die Teilnehmer Geschichten.


Tanzen im Raum: Gefühl von Vertrautheit in der Gruppe


Fokussiert: Lina und Natalia beim Tanzen


Keine feste Partnerwahl: Bei den Übungen zu zweit kamen immer wieder neue Konstellationen zusammen.   


Choreograf Roman Windisch 


Teilnehmer Ibrahim (links) erzählt seine Geschichte. Der Syrer war nach einer Grippe ertaubt, kam vor zwei Jahren nach Deutschland. Er ist schon das dritte Mal dabei, spricht etwas deutsch und Gebärdensprache. Der Journalist Firas Alshater, ebenfalls aus Syrien, interviewt ihn vor der Gruppe und übersetzt lange Antworten, hier mit Barbara Gängler (Mitte).


Sprechübungen mit Barbara Gängler: Gefühle und Gesprochenes in Einklang bringen 


Reflexion des Erlebten


Improtheater: Einblick in Roman Windischs fiktives „Fotoalbum“. Theaterpädagoge Thomas Hof kommentiert, während Marvin Rafoth übersetzt. 


Szenen-Collage: ein Theaterstück entsteht


Stolz auf die Gruppe: Roman Windisch


Krönender Abschluss: große Freude nach der letzten Vorführung




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