30. August 2018

Mein Weg zum zweiten CI - Plötzlich Dolby Surround!

Norma Gänger hat ein zweites CI bekommen. In diesem Artikel teilt sie mit, was für Erfahrungen sie damit gemacht hat.

Dieser Moment, wenn dir mitten im Gespräch die Batterien ausgehen, du aber mit der anderen, frisch operierten Seite weiter zuhören kannst… Ein zweites Cochlea Implantat macht es möglich.

2017 war mein Jahr! Nicht nur, dass ich mich für das zweite CI entschieden habe. Ich habe auch meine Familie gefunden. Dabei wusste ich nicht einmal, dass ich nach ihr gesucht hatte. Ich fühle mich zum ersten Mal richtig im Leben angekommen! Wie das? Das will ich gerne verraten.

Zunächst einmal eine kurze Vorstellung, das gehört sich schließlich so. Ich bin Norma, ganze 28 Jahre alt und lebe und arbeite im beschaulichen Bremen. Mein Job: Beamtin bei der Senatorin für Kinder und Bildung. In meiner Freizeit spiele ich gerne Tennis oder bin anderweitig sportlich unterwegs. Zudem unternehme ich viel mit Freunden und reise gern. Zum Entspannen darf es auch mal Netflix mit Untertiteln oder eine Runde Zocken sein.

Mit 15 Jahren habe ich mir das erste Cochlea Implantat einsetzen lassen und dann kam Stück für Stück erstmals richtige Lebensqualität zustande. Jedoch fiel die Entscheidung meinen Eltern und mir nicht leicht. Immerhin konnte uns niemand vorher den Hörerfolg garantieren. Zudem wäre auf der operierten Seite das letzte kleine bisschen Resthörvermögen endgültig verloren.

Und doch: Nie hätte ich mir träumen lassen, mit einem CI nach nur wenigen Monaten schon so viel besser hören zu können. Mit der Zeit konnte ich zum Beispiel Geräusche in benachbarten Zimmern wahrnehmen und die meisten sogar voneinander unterscheiden. Besonders schön: Ich habe endlich Zugang zur Musik gefunden. Mit Hörgeräten war sie bedeutungsloser Brei für mich. Mit dem CI klang sie erstmals aufregend und bunt.

Wenn ich darüber nachdenke, wie schwer allein Kommunikation bis dahin war! Ich bin seit meiner Geburt an Taubheit grenzend schwerhörig und bekam aufgrund einer viel zu späten Diagnose erst mit 18 Monaten die ersten Hörgeräte. Leider haben die kaum etwas getaugt. Dann Neuversorgung mit drei Jahren bei einem auf die Versorgung von Kindern spezialisierten Akustiker. Endlich verstand ich mal was von Sprache. Aber es gab eine Verschlechterung, irgendwann in der Grundschule, und wieder schafften die Hörgeräte es nicht, dass ich „dazugehören“ konnte. Deshalb habe ich das Hörgerät auf der nicht implantierten Seite später auch weggelassen. Es harmonierte einfach nicht mit dem CI. Im Gegenteil: Ohne die dumpfen Töne vom Hörgerät hatte ich viel mehr von dem klar klingenden CI! So kam es, dass ich zehn Jahre lang nur mit einem CI den Alltag bestritten habe.

Positive Energien tanken
Warum nicht gleich schon ein zweites CI? – Ja, gute Frage! Ich konnte mit dem ersten Implantat schon so wahnsinnig viel besser hören, als ich jemals gewohnt war. Irgendwie lag mir die Vorstellung fern, dass da noch mehr möglich sei. Außerdem nimmt man eine Operation nicht eben mal auf die leichte Schulter, oder?

Im September 2017 wagte ich dann doch den Schritt und ließ mir ein zweites Gerät implantieren. Und was soll ich sagen? Volltreffer! Nach der Eingewöhnungsphase, in der sich das Hören mit dem neuen Implantat langsam, aber sicher einpendelt, weiß ich inzwischen, dass es mir weit mehr gebracht hat als erhofft. Ich „kann“ jetzt Dolby Surround, wie meine Freunde gerne sagen.

Besonders erfreulich war auch die Begegnung mit Gleichgesinnten. Nur kurze Zeit nach der Erstanpassung des neuen CIs habe ich an der DCIG-Blogwerkstatt in Kassel teilgenommen. Hier war ich das erste Mal in einer großen Gruppe mit überwiegend gleichaltrigen Hörgeschädigten. Der Umgang mit so vielseitigen Persönlichkeiten, die ein ähnliches Schicksal teilen, hat mir wahnsinnig gut getan und viel Mut gemacht. Ich weiß jetzt, ich bin nicht allein! Auch die nächste Blogwerkstatt im März in St. Jakob stand dem Gemeinschaftsgefühl von Kassel in nichts nach.

Diese positive Energie, die uns der Austausch miteinander bringt, möchte ich nun gerne an andere Betroffene weitervermitteln. Deshalb setze ich mich für die Junge Selbsthilfe ein. Mangels Angeboten für junge Erwachsene in Bremen habe ich hier eine kleine Gruppe gestartet und veranstalte nun Treffen in der Hansestadt. (Kontakt: Bremen@deaf-ohr-alive.de)

Seit der Erstanpassung des zweiten CIs verarbeite ich meine Hör- und Lebenseindrücke hin und wieder auch in meinem privaten Blog. Es geht nicht nur um das Leben mit meinen beiden künstlichen Hörschnecken, sondern auch um meinen Typ-I-Diabetes, der mich täglich begleitet. Allen Herausforderungen zum Trotz bleibe ich optimistisch und verliere nie meinen Humor. 

Vielleicht habt ihr Lust mal vorbeizuschauen? – Ich freue mich! sweetcyborg.wordpress.com

Norma Gänger


Zurück