24. Mai 2018

Gehörlosenkulturtage: Wie ein großes Familientreffen

2.500 Besucher kamen vom 17. bis 19. Mai zu den 6. Deutschen Kulturtagen der Gehörlosen nach Potsdam. „Unsere Kultur in Gebärdensprache: inklusiv und gleichwertig“ war das Motto.

Die Bässe wummern, die Musik dröhnt aus den Boxen: Zur Eröffnung der Gehörlosenkulturtage ist die Soundanlage in der Metropolishalle am Filmpark Babelsberg voll aufgedreht. Bunte Lichter, schnelle Videoclips und ein Countdown lassen die Spannung in der vollbesetzten Halle steigen. 3, 2, 1: Der Jubel unter den Anwesenden ist groß, ihre Hände winken nach oben gestreckt – die Gebärde für Applaus.

Zum 6. Mal hat der Deutsche Gehörlosenbund binnen 25 Jahren zu den Kulturtagen eingeladen, sechs Jahre sind seit dem letzten großen Treffen in Erfurt vergangen. Drei Tage lang gab es Foren zu verschiedenen Themen aus Kultur, Politik und Gesellschaft. Die Nutzung von Social Media für die politische Arbeit war dabei ebenso Thema wie die Zukunft der Gebärdensprachgemeinschaft und Barrierefreiheit in den Medien, im Alltag und im Arbeitsleben. Hinzu kamen zahlreiche Künstlerauftritte, Aufführungen und Filmvorführungen – alles in Gebärdensprache.

„Inklusiv und gleichwertig“ war dabei der leitende Anspruch, Deutsche Gebärdensprache (DGS) die Podiumssprache. Guthörende Besucher, die die Gebärdensprache nicht beherrschen, konnten die Podiumsgespräche via Schrift- und Lautsprachdolmetscher verfolgen, wobei die Kopfhörer für die Lautsprachdolmetschung schnell vergriffen waren

„CI + Gebärde – kein Problem!“
Mit Ausnahme der Auftaktveranstaltung war es auf der Konferenz im Vergleich zu anderen Veranstaltungen dieser Größe auffallend – und angenehm – ruhig. Das Grundrauschen fiel wesentlich geringer aus, unterhielten sich doch fast alle hier mit den Händen und nicht mit ihren Stimmen. Die drei Tage in Potsdam glichen denn auch einem großen Familientreffen von tauben, hörgeschädigten und gebärdensprachlichen Besuchern. Auch die Deutsche Cochlea Implantat Gesellschaft e. V. (DCIG) war mit einem Stand und einer Botschaft dabei: „CI + Gebärde – kein Problem!“ stand auf dem Banner geschrieben. Jan Haverland, in Hamburg Ansprechpartner für hörbehinderte Eltern mit CI-Kindern, und DCIG-Vizepräsident Oliver Hupka erläuterten interessierten Besuchern die Arbeit der DCIG – natürlich in Gebärdensprache.

In seinem Grußwort machte Helmut Vogel, Präsident des Deutschen Gehörlosen-Bundes e. V., die Besucher auf die Besonderheit des Vereins aufmerksam: „Wir sehen uns als eine Behindertengruppe und zugleich auch als eine sprachliche Minderheit. Das kann auch ein Spagat sein“, so Vogel. Dabei reicht die Tradition der Gehörlosenkultur weit zurück: vor 170 Jahren, 1848, gründete sich in Berlin der erste Gehörlosenverein. Der Deutsche Gehörlosen-Bund entstand 1927, damals noch unter anderem Namen. Über 26 Mitgliedsverbände sind mittlerweile laut eigenen Angaben etwa 28.000 Mitglieder aus 600 Vereinen dem DGB angeschlossen.

Seit 2001 ist die Deutsche Gebärdensprache durch das Sozialgesetzbuch IX und seit 2002 durch das Behindertengleichstellungsgesetz auf Bundesebene als eigenständige Sprache anerkannt. Die 2009 ratifizierte UN-Behindertenrechtskonvention betont zudem die Gleichwertigkeit der Gebärdensprache und Gehörlosenkultur. „Diese Gleichwertigkeit unserer Sprache und Kultur ist jedoch (noch) nicht gesellschaftliche Realität“, kritisierte Vogel weiter. Die Kulturtage hätten deshalb die Aufgabe, Vorbehalte abzubauen, gegenseitiges Verständnis füreinander zu entwickeln und ein „Bewusstsein zu schaffen für den Wert der Gleichwertigkeit und der Inklusion“.

„Inklusion fordert vor allem Menschen ohne Behinderung“
Prominente Unterstützung der Kulturtage kam aus der Politik: Die Schirmherrschaft übernahm Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Der neue Bundesbeauftragte für die Belange von Menschen mit Behinderungen, Jürgen Dusel, sowie Rolf Schmachtenberg, Staatssekretär im Bundesministerium für Arbeit und Soziales, kamen für ein Grußwort zur Eröffnungsfeier. Für Dusel war es sein erster großer Auftritt im Amt, hatte er die Zusage damals noch als Landesbeauftragter Brandenburgs für Menschen mit Behinderungen gegeben: „Es ist wichtig, dass man sich austauscht und Netze bildet, aber nicht nur untereinander: Die Veranstaltung muss auch nach außen strahlen“, betonte Dusel. Inklusion fordere vor allem Menschen ohne Behinderung sich aufzumachen, den Kopf frei zu machen und ihre Bilder in den Köpfen zu hinterfragen.

Den Abschluss der Kulturtage bildeten am Samstag das „Fest der Hände“ mit einem „Sign Mob“, einem Flash Mob in Gebärdensprache, und politischen Reden in der Potsdamer Innenstadt sowie ein Galaabend, bei dem die Film- und Fotopreise der Kulturtage verliehen wurden. (ms)


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