05.08.2015

Erfahrungsbericht

Hallo, ich bin Lilli Klenk, 19 Jahre alt und komme aus Wolpertshausen bei Schwäbisch Hall. Als ich ca. 1 Jahr alt war, wurde bei mir einen hochgradige Schwerhörigkeit festgestellt. So wurde ich im Dezember 1997 (mit 21 Monaten) rechts und knapp 4 Jahre später mit fünfeinhalb Jahren links mit Cochlea-Implantaten versorgt. Nach dem Besuch eines Montessori-Kindergartens und einer Montessori-Grundschule habe ich dann im Juni 2014 mein Abitur an einem Regelgymnasium (Schloss-Schule Kirchberg) gemacht.  

Da ich wie viele meiner KlassenkameradInnen schon ahnte, dass ich nach dem Abitur überhaupt keine Ahnung haben würde, was ich später für einen Beruf ausüben will, wusste ich eben auch lange nicht, welches Studienfach mich reizt oder ob ich nicht doch lieber eine Ausbildung anfangen soll. So beschloss ich bereits vor den Abitursprüfungen im Herbst 2013, nach dem Abi erst mal einen Freiwilligendienst bzw. ein „gap year“ zu machen: ein Jahr Pause vom Lernen, ein Jahr um Erfahrung zu sammeln - und dabei vielleicht dem Traumjob zu begegnen.  

Meine Wahl fiel auf den Europäischen Freiwilligendienst (EFD oder auch EVS – European Voluntary Service), da ich nicht nur allerhand neue Erfahrungen sammeln wollte, sondern auch die Aussicht auf den positiven Nebeneffekt, meine englische (Aus-)Sprache zu verbessern, klasse fand. Denn wie es vermutlich auch andere hörgeschädigte Menschen kennen: Es ist nicht leicht, in sprachlichen Fächern mitzukommen. So kam mir der EFD als super Lösung, um endlich fließend Englisch reden zu lernen – abseits vom Notenstress.  

Als erstes muss man sich um eine Entsendeorganisation kümmern, die idealerweise nahe dem eigenem Wohnort liegt. Ich habe mich im September 2013 beim Jugendwerk der AWO mit Sitz in Stuttgart beworben und sie haben schon wenige Tage später ihre Zusage geschickt. Die erste Hürde war geschafft! Nun bekam ich von meiner Entsendeorganisation wöchentlich Stellenausschreibungen aus ganz Europa, die Freiwillige - ebenfalls aus ganz Europa für ihr Projekt suchten.  

Von Beginn an war eins meiner Favoritenprojekte das „Mission House Amstelrank“ in Amsterdam. In diesem Projekt leben bis zu acht Freiwillige aus europäischen Ländern plus einem „houseleader“ aus den Niederlanden zusammen in einem Gebäude auf dem Gelände der Protestantischen Kirche im Herzen Amsterdams. Das Besondere an dieser Einsatzstelle  ist, dass man nicht nur ein Projekt unterstützt, sondern die Wahl zwischen 22 Projekten hat und davon beliebig viele auswählen kann. 

Natürlich ist bei einem so besonderen Angebot und dazu noch in der niederländischen Hauptstadt die Zahl der Bewerber groß. Neben einem ausführlichen schriftlichem Bewerbungsbogen mit Lebenslauf und Motivationsschreiben, 3 Referenzschreiben, einem ärztlichen Attest und einem sehr nervenaufreibenden Skype-Interview mit den beiden „project leaders“ auf Englisch war es dann so weit: Anfang April kam die Zusage von der Aufnahmeorganisation, der Protestant Church Amsterdam (Diaconie)! 

Kurz darauf  folgte für die neuen, insgesamt acht Freiwilligen schon ein Kennenlernwochenende im zukünftigen Wohnplatz, wo wir die Möglichkeit hatten, die Vorgängergruppe zu treffen und in das kommende Leben für 10 Monate „reinzuschnuppern“. In diesen sonnigen Tagen lernte ich fast alle meiner zukünftigen MitbewohnerInnen aus Deutschland, Frankreich, Polen, Ungarn, England und den Niederlanden kennen. Gemeinsame Umgangssprache ist - natürlich - Englisch!

Über den Sommer stieg die (An-)Spannung in’s Unermessliche – am ersten September 2014 war es dann soweit, meine Eltern ließen mich mit 4 Koffern und recht schlechten Englischkenntnissen im immerhin wunderschönen Amsterdam zurück. Zum Glück war ich von Anfang an keine Sekunde allein, hatte ich doch 8 neue „Geschwister“.  

In den ersten Wochen waren wir damit beschäftigt, unsere Einsatzorte zu begutachten: mehrere Tagesaufenthalte für Obdachlose, Alkohol-/Drogenabhängige oder arme Menschen, verschiedene kirchliche Projekte für Kinder, ein Hospiz, eine Wohngruppe für Mehrfachbehinderte, ein Restaurant, in dem Gehörlose eine Ausbildung machen können, die christliche Seemannsmission im Amsterdamer Hafen, eine Anlaufstelle für Prostituierte und eine für Flüchtlinge ohne Papiere, undundund…. Da fiel die Entscheidung natürlich schwer, aber letztendlich hat jeder seinen Platz bei den jeweiligen Projekten gefunden und auch ich bin superhappy mit meiner Arbeit dort:

Montags arbeite ich vormittags bei „re-play“. Dorthin kommen Eltern mit ihren Kindern 

(0-4 Jahre) aus der Nachbarschaft, um ein Spielangebot mit ihren Kleinen zu nützen. Da im Amsterdamer Osten (wo die Spielräume sind) viele Familien mit Migrationshintergrund leben und die Eltern oft nicht gut Niederländisch können, ist es eine tolle Gelegenheit für sie, sich hier mit anderen auszutauschen und nebenbei die Sprache zu lernen. Meine Aufgabe ist es, neben Obst kaufen und schneiden, auch eine kleine Bastelaktion vorzubereiten und natürlich kann ich mit den Kleinen spielen!

Nachmittags helfe ich dann bei der „Nachbarschaftsmahlzeit“ einer Kirche aus. Neben Tisch decken und die Spülmaschine bedienen darf ich dann auch das Essen den rund 

40 überwiegend aus sozial schwachen Schichten stammenden Menschen servieren, die hier für 5 Euro essen gehen können. Es macht wirklich Spaß hier zu bedienen, denn die Besucher sind sonst eher selten bis nie im Restaurant und freuen sich, wenn sie mal bedient werden – und nichts muss perfekt sein! 

Dienstags arbeite ich bei einer Wohngruppe für mehrfachbehinderte (geistig und körperlich) „Kinder“, die zwischen 14 und 30 Jahren alt sind. Vor allem beim Essen geben werde ich gebraucht, das Waschen der Bewohner übernimmt natürlich das Fachpersonal. Ich darf bei gutem Wetter auch mal einen Spaziergang im anliegenden Vondelpark mit einem im Rollstuhl sitzenden Jungen machen. Es macht mir selbst so eine große Freude, wenn man ihm ansieht, wie sehr er sich freut!  

Mittwochs arbeite ich in einem Obdachlosenprojekt. Morgens schmieren wir gemeinsam Sandwichs – wir, das ist eine Gruppe von ca. 20 Freiwilligen jeden Alters, ganz unterschiedliche Personen, aber alle wollen ehrenamtlich mithelfen: Suppe kochen, Kaffee ausschenken oder einfach ein offenes Ohr für die hereinströmenden Menschen sein. Meistens stehe ich hinter der Bar, schenke Kaffee aus, gebe Sandwichs oder eine Suppe über den Tresen oder mal ein Schachspiel. Obwohl meine Aufgabe wirklich simpel ist, macht es doch so viel Spaß und gibt einem das Gefühl zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. 

Man darf sich durch die dort sichtbare Realität der Alkohol- und/oder Drogenabhängigen, schon jahrelange „plattemachenden“ Obdachlosen, verzweifelten Bürgern aus Osteuropa auf der Suche nach Arbeit oder so armen Menschen, dass sie hierher kommen und kostenlos Kaffee zu trinken oder wenigstens eine warme Mahlzeit im Magen zu haben, nicht beirren oder gar unterkriegen lassen. Denn die Menschen sind so dankbar und erzählen gerne von sich, wenn jemand ihnen gerne zuhört – oft auch auf Deutsch! Zwar merke ich wie ich hier durch die laute Umgebung (+/- 70 Menschen in einem Raum) an die Grenzen komme, doch ist es trotzdem einer meiner liebsten Orte in Amsterdam. Man kennt viele, grüßt, sieht sich jede Woche… 

Donnerstags arbeite ich von mittags bis abends in einem von der Kirche geförderten Hospiz. Durch meine doch recht schwachen Niederländisch-Kenntnisse, vor allem beim Sprechen (das Verstehen geht dank der Sprachnähe zum Deutschen nach paar Monaten doch recht gut) habe ich jedoch nicht so viel mit den bis zu 10 Bewohnern zu tun. Wir Freiwilligen kümmern uns eher um alles, was in einem Hospiz im Hintergrund abläuft: Wir waschen und bügeln, bringen das dreckige Geschirr in die Küche, gehen einkaufen, den Papiermüll wegbringen, zum Bäcker oder zur Apotheke. Bei all dem habe ich schon viele nette, meist ältere HolländerInnen kennengelernt, die sich vor allem die Mühe machen, mir bei all diesen Botengängen die Sprache näherzubringen und inzwischen bin ich dort schon so erfahren, dass die neuen Freiwilligen von mir eingelernt werden, worauf ich besonders stolz bin. Doch es wird dort leider auch viel gestorben und so würde ich sagen, habe ich an diesem Ort auch schon viele neue Erfahrungen gesammelt - vor allem über das Sterben, den Tod, aber auch über die Hoffnung, die es hier trotzdem immer gibt. 

Freitags arbeite ich in einem ganz tollen Projekt. Man stelle sich ein Restaurant vor, in dem Gehörlose und "normale" Menschen zusammen arbeiten und die Gäste entweder in Gebärdensprache oder lautsprachlich bestellen können. Hört sich toll an und ist es auch. Hier können sowohl Gehörlose kostenlos eine Ausbildung zum Koch oder zur Restaurantfachkraft machen, aber auch andere Menschen mithelfen, die es ebenfalls schwer auf dem ersten Arbeitsmarkt haben. Eines kann ich gleich vorwegnehmen: Die deutsche und die holländische Gebärdensprache ähneln sich leider nicht so sehr wie die Lautsprachen ;-) aber man hat mir geduldig schon viele Zeichen/Gebärden beigebracht und nun genieße ich es richtig hier das Gemüse kleinzuschneiden, Sandwichs zu belegen oder an der Theke zu bedienen – es fühlt sich gar nicht an wie Arbeit sondern eher wie ein reines Vergnügen - und das Woche für Woche! 

So hat jeder und jede in der Gruppe eine eigene Arbeitswoche in seinen eigenen Projekten ebenso wie ein eigenes Zimmer. Meins ist zwar winzig und mit Bett, Waschecke, Kleiderschrank und Schreibtisch mehr als voll, doch habe ich einen tollen Blick auf die „Nieuwe Herengracht“, eine der vielen Grachten in Amsterdam und das ist sicher einer der schönsten und auch teuersten Ausblicke in der ganzen Stadt. Unterkunft und Verpflegung wird übrigens vom „Erasmus + Jugend in Aktion“-Prgramm der EU bezahlt. Damit wir uns in unserer WG trotzdem nicht völlig auseinanderleben, haben wir wöchentlich wiederkehrende gemeinsame Abende. 

Beim „housemeeting“ wird jede/r gefragt, wie es ihm/ihr geht und wie die Woche war, unser „house leader“ informiert uns über den aktuellen Geldstand auf der „orange card“ (die Bankkarte, die wir zum Einkaufen von Lebensmitteln benutzen ist orange) oder über anstehende Ereignisse. Nun kann auch jeder sagen, wenn ihm etwas nicht passt oder einen Vorschlag für eine Verbesserung des Zusammenlebens machen. Oft sind die Putzaufgaben Thema, nicht jeder erledigt das Putzen von Küche, Dusche, Toiletten, Ess-/Wohnzimmer oder dem Gang sooo sorgfältig ;) Zum Glück wechseln die Aufgaben jede Woche durch: Es ist manchmal ganz schön stressig, eine Woche lang Lebensmittel für 9 Leute einzukaufen – und wenn dann jeder noch Sonderwünsche hat, ohje.. 

Außerdem haben wir noch ein gemeinsames „zinmoment“ – ein holländisches Wort für eine Art „Zeit zur Reflexion“. Bei diesem Treffen lesen wir gemeinsam aus der Bibel oder sprechen über ein aktuelles Thema. Hier habe ich auch am Anfang des Jahres das Cochlea Implantat vorgestellt und meinen MitbewohnerInnen erklärt, dass sie immer zu mir gewandt und deutlich sprechen sollen – was seitdem auch ganz gut klappt. Dabei war das Video einer englischen Studentin ganz hilfreich, das man auf YouTube unter „Hearing… but not as you know it“ finden kann.

Des Weiteren gibt es noch die „family time“, hier geht es wieder lustiger zu, mal gehen wir in einen Pub, zum Billard spielen, haben ein Volleyball-Match oder ein Spiel in den vier Wänden. Oft haben wir auch schon das Wohnzimmer per Beamer in ein Privatkino verwandelt und zum Glück bin ich nicht die einzige, die bei den englischen Filmen immer Untertitel verlangt!  

Natürlich ist in einem solchen Auslandsjahr nicht immer alles Friede, Freude, Eierkuchen – am Anfang quält noch das Heimweh, aber das geht vorüber. Was nicht vorüber geht, ist, dass ich beim gemeinsamen Abendessen den Gesprächen über den großen Tisch meist doch nicht folgen kann. Zwar wird das Englisch immer besser, doch man kommt trotzdem immer wieder an die (Hör)-Grenzen. Dass wir außerdem wegen stark gekürzter EU-Gelder nur sehr wenig  Niederländisch-Unterricht bekommen konnten und somit doch recht wenig Kontakt zu Einheimischen haben, ist der zweite negative Aspekt, den ich in diesen Monaten auszuhalten habe – aber neben wie vielen schönen positiven Momenten!

Alles in allem möchte ich alle HG/CI-TrägerInnen ermutigen: Wollt Ihr nach dem Abi eine Auszeit von Klausuren, Tests und Noten haben, einfach mal woanders hin und etwas von der Welt sehen, dazu noch nützlich sein, dann macht einen Europäischen Freiwilligendienst! Die Erfahrungen, die Erlebnisse, die vielen lieben Menschen, die man kennenlernt -  das alles ist unbezahlbar. Und wer mit einem Auslandsaufenthalt schon liebäugelt, Australien, die USA oder Afrika aber zu weit sind, dem kann ich das EFD auch nur empfehlen – an Weihnachten waren wir alle zu Hause und auch sonst ist es gut möglich, dass Freunde oder Familienmitglieder einen mal für ein paar Tage besuchen.   

Durch den Freiwilligendienst weiß ich nun auch wirklich genau, was ich in der Zukunft tun möchte: Mir hat die Arbeit mit den Lebensmitteln im Restaurant und in der Anlaufstelle für Obdachlose richtig Spaß gemacht, nun möchte ich etwas in dieser Richtung studieren.  

Noch ein paar Infos: Man muss für einen Freiwilligendienst nichts bezahlen. Unterkunft und Verpflegung wird gestellt und in Amsterdam ebenso ein Fahrrad (DAS Fortbewegungsmittel hier – kein Wunder es macht auch Riesenspaß) um zu den Arbeitsorten zu kommen. Dazu gibt es noch 110€ Taschengeld pro Monat, das kommt aber auf Einsatzland und Organisation an. Mehr Infos zum „Mission House“ gibt’s auf www.missionhouse.nl Wenn Ihr weitere Fragen an mich habt, einfach schreiben an: Lilli Klenk, Kirchstraße 9, 74549 Wolpertshausen, oder eMail: l.klenk@outlook.de 

 

Internetlinks von einigen meiner Einsatzstellen:

(MO) Re-Play: https://www.facebook.com/replay.debewaarschool?fref=ts

(MI) De Tweede MIjl: www.detweedemijl.nl/

(DO) Hospiz Kuria: http://www.kuria.nl/hospice/

(FR) Eetlokal LT: https://www.facebook.com/eetlokaalLT?fref=ts 


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