04.05.2015

Geoffrey Ball: "Vielleicht kannst Du selbst etwas tun?"

Interview mit Geoffrey Ball, US-amerikanischer Physiologe (Schwerpunkt Biomechanik) und Erfinder, Vorreiter bei der Entwicklung von Mittelohrimplantaten und seit 2003 technischer Leiter (CTO) bei Vibrant Med-el in Innsbruck. Ball, selbst schwerhörig, war einer der ersten, der die Opens external link in new windowVibrant Soundbridge an sich selbst ausprobierte.

Herr Ball, Sie wohnten als Kind im Silicon Valley und waren fasziniert von den langhaarigen Studenten in Hippiekleidung, die "unglaubliche Zaubergeräte" erfanden. Können Sie sich noch an eines erinnern, das Sie besonders beeindruckte?

Geoffrey Ball: Das ist eine wirklich schwierige Frage, da es so viele davon gab. Besonders erinnere ich mich aber an eine sehr frühe Art Spielecomputer, das Galaxy Game*. Es war das allererste Computerspiel überhaupt – das Galaxy Game entstand noch vor dem legendären Spiel Pong. Als junger Mensch war ich davon sehr begeistert. Nicht nur weil fast alle jugendlichen Computerspiele mögen, sondern weil es zeigte, wie man hochentwickelte Technologie mit menschlicher Interaktion zusammenbringen konnte. Ich weiß noch genau, wie ich vor dem Bildschirm saß und einfach überwältigt war. Es war eine spannende Zeit und der Beginn des Aufstiegs des Silicon Valley. Eine Zeit in der alles möglich schien. 

Wenn man Ihr Buch liest, hat man das Gefühl, dass Sie mit Ihrer Schwerhörigkeit nicht haderten, sondern im Gegenteil offensiv damit umgingen. Gebärden, Hörgeräte und Lippenabsehen waren Ihnen aber nicht genug. Die Geburtsstunde Ihres Mittelohrimplantats?

Meine Mutter hatte ein kleines Schild in ihrer Küche auf dem stand: "When life gives you lemons. . . make lemonade". Nach diesem Motto habe ich versucht, immer das Beste aus meiner Situation zu machen. Wenn ich meinen Hörverlust als Hemmnis empfunden hätte… was hätte es mir gebracht? Ich erinnere mich noch, wie ich als kleiner Junge einen meiner Ärzte fragte: "Wann gibt es ein Implantat, das sie in mein Ohr setzen, damit ich wieder hören kann?" Diese Frage stellte ich immer wieder, bis ich schließlich meinen Uni-Abschluss in der Tasche hatte und überlegte: "Vielleicht kannst Du ja selbst etwas tun?" Und es stellte sich heraus, dass ich konnte. Zurückblickend war das alles natürlich ziemlich verrückt, da ich mir keine Gedanken machte wie unwahrscheinlich eine solche Erfindung ist und wie lange es dauert sie zu entwickeln.

Sie sind der Erfinder der Vibrant Soundbridge und einer der ersten, der sie implantiert bekam. War Ihre erster Höreindruck überwältigend oder eher enttäuschend?

Mein erster Gedanke war: "Es funktioniert, Gott sei Dank!". Natürlich wusste ich, dass es funktionieren würde, weil meine Kollegen und ich so viel Zeit in die Entwicklung gesteckt und wir wahnsinnig viele wissenschaftliche Daten gesammelt hatten. So kurz vor dem Durchbruch wurde ich aber trotzdem nervös. Mein zweiter Gedanke war, dass die VSB überwältigend gut funktionierte. Ich erlebte zum ersten Mal in meinem Leben eine überragend klare Klangwiedergabe ohne elektrisches Summen oder verzerrte Klänge. Was mich anschließend jedoch ziemlich enttäuschte, war das schwierige Zulassungsprozedere mit der der amerikanischen Zulassungsbehörde. Sie erlaubte uns, bei unseren Studienteilnehmern nur ein Hörimplantat-System einzusetzen, bis das System offiziell zugelassen war. Ich musste also weitere drei Jahre warten, bis mein zweites Ohr ebenfalls mit einem Mittelohrimplantat versorgt wurde. Das hat meine Geduld auf eine harte Probe gestellt.

Inwiefern "rettete", wie Sie sich einmal ausgedrückt haben, Dr. Ingeborg Hochmair, Gründerin und CEO von Med-el, Ihre Erfahrungen?

Mit Sicherheit wäre meine Erfindung ohne Ingeborg und Erwin Hochmair nie bekannt geworden. Wir hatten die Vibrant Soundbridge beim Jahresmeeting der American Academy of Otolaryngology vorgestellt – am wohl ungünstigsten Tag, an dem man eine revolutionäre, medizinische Erfindung der Öffentlichkeit vorstellen kann. Am 11. September 2001. Wir waren ein junges und hochmotiviertes Team, aber in der Zeit nach 9/11 waren die wirtschaftlichen Bedingungen für neue Unternehmen in den USA sehr schlecht. Als unser Aktienkurs weiter sank, verloren auch die Ärzte das Interesse an unserer Erfindung. Erst mit der Unterstützung von Ingeborg und Erwin Hochmair, die unsere Technologie aufkauften und die Forschung und Produktion nach Österreich verlegten, konnten wir die Vibrant Soundbridge retten. Heute verfügen wir über ein ständig wachsendes Team von jungen Forschern und Entwicklern, denen es zu verdanken ist, dass wir mit der neuen Vibrant Soundbridge und der Bonebridge an den Erfolg der "alten" VSB anknüpfen konnten.

Sie haben die Schwingungen der FMT – das Herzstück der Vibrant Soundbridge – mit dem Herzschlag einer Ameise verglichen. Kennen Sie wirklich den Herzschlag einer Ameise?

Wirklich aufmerksam gelesen! Wenn ich mich richtig erinnere, habe ich den Vergleich mit dem "Herzschlag einer Ameise" erstmals verwendet, als ich die FMT-Technologie öffentlich erklärte. Ich wollte vor allem zeigen, wie klein die Micro-Impulse sind, die das Mittelohrimplantat erzeugt. Natürlich hatte sich ein Journalist diesen Satz sofort notiert. Anschließend konnte ich es nicht lassen, diese dahingesagte Floskel genau nachzuprüfen. Wir haben dann im Labor tatsächlich den Herzschlag einer Ameise gemessen und festgestellt, dass ihr Herz sogar noch stärker schlägt, als die Vibrationen des FMT der Vibrant Soundbridge.

 

Redaktion: Ute Mai, Schnecke/Schnecke-Online

 


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