8. August 2016

Zielgenau im Grafenschloss

Mit Fotos Geschichten erzählen, pfeilschnell ins Ziel treffen, sicher über tiefe Wasser kommen und sich nichts gefallen lassen: In der DCIG-Blogwerkstatt Nummer III erprobten gut 40 junge CI- und Hörgeräteträger in historischer Kulisse neue Formen der demokratischen Selbsthilfe. Eine Diaschau.

Das Grafenschloss in Diez thront Ehrfurcht gebietend hoch über der Lahn. Die Häuser des Städtchens schmiegen sich ängstlich an den steilen Felsen, auf dem Jahrhunderte lang ihre Obrigkeit residierte. Heute ist das Schloss Standesamt, Museum, Jugendherberge und steht jedermann offen.

Anfang August 2016 erlebte es für eine knappe Woche, wozu zwar hörgeschädigte, aber höchst lebendige, aktive und pfiffige junge Menschen fähig sind – wobei charismatische Moderatoren ihnen halfen, ihre Talente zu entdecken und zu erproben. Und wobei „jung“ keine Frage der gelebten Jahre ist.

Die Blogwerkstatt III war wieder mal ein solcher Erfolg, dass 2017 gleich zwei Blogwerkstätten stattfinden sollen. So beschlossen vom Präsidium der DCIG, das zur selben Zeit am selben Ort tagte und sich mitreißen ließ vom Spirit der Blogwerkstättler.

Das Grafenschloss in Diez führte den Teilnehmern ganz nebenbei sehr anschaulich vor Augen, was Demokratie bedeutet. Bevor unsere Vorfahren im Zeichen der Aufklärung Schluss machten mit Standesgrenzen und Dünkel, durften selbst gut hörende Untertanen allenfalls mit demütig gesenkten Häuptern Burghof und Bergfried betreten. Schon Details der Kleidung machten damals augenfällig, wem was erlaubt war – und wem nicht.

Im Schlosswald mit Pfeil und Bogen zu schießen, war dem Adel vorbehalten. Jetzt erprobten sich hier, unter kundiger Anleitung, Frauen und Männer jedweder Herkunft. Frei und selbstbewusst. Im Burghof übten sie sich in Selbstverteidigung und Körpersprache. Im Feudalismus hätten sie ungezählte Grenzen daran gehindert, das hessische Diez überhaupt zu erreichen.

Eine Tafel neben der Treppe, die vom Schloss hinunter in die Stadt führt, erinnert daran, dass Demokratie nie gesichert, sondern immer gefährdet ist. Dort steht aufgeschrieben, was hier 1935 im Dunkel einer Nacht geschah, im Jahre Zwei nach dem Ende der Weimarer Republik und Hitlers „Machtergreifung“.

Damals stand oben auf dem Schlossfelsen ein jüdisches Waisenhaus. In dieser Nacht wurden alle Kinder und ihre Herbergseltern aus dem Haus getrieben und am nächsten Tag nach Frankfurt deportiert. Übrigens auf Betreiben von Nachbarn. In Vorwegnahme dessen, was reichsweit erst Jahre später systematisch erfolgte, um den „deutschen Volkskörper“ von „lebensunwerten Elementen“ zu „reinigen“. Dass heute diese Tafel daran mahnend erinnert, ist wiederum der Initiative Diezer Bürger zu verdanken. Auch so sieht Selbsthilfe aus.

Text und Fotos: uk

Die Blogwerkstatt III der DCIG fand statt mit Unterstützung des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, der DAK sowie der Firmen Cochlear und Med-el.

 


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