30. Oktober 2017

Besser hören bei Besprechungen und Konferenzen

Auch wer mit CI sehr gut hört, stößt in bestimmten Situationen an seine Grenzen. Diese lassen sich aber ausdehnen durch den Einsatz von Zusatztechnik, ein bisschen Organisation und etwas Überwindung.

Der erste Schritt ist eine Bestandsaufnahme der schwierigen Kommunikationssituationen. Dabei hilft ein Akustiker mit Erfahrung und Tüftlergeist. Schließlich ist die Kostenfrage zu klären. Zusammen mit einem darauf spezialisierten Hör-Akustiker haben wir meine beruflichen Hörsituationen in einem Bundesministerium analysiert und Verschiedenes getestet. So ist meine „allround-Ausrüstung“ entstanden: Sie besteht aus dem FM-Sender Phonak Roger Pen, zwei Roger Konferenzmikrofonen, den FM-Empfängern zum Aufstecken auf den Sprachprozessor, dem Induktionskopfhörer „Music link“, ein paar Adaptern, Anschlusskabeln, Powerblocks und einem Multi-Ladegerät. Finanziert wurde das Ganze vom Berliner Integrationsamt.

Zwei Phonak Konferenzmikrofone mit Fernbedienungen zum Stummschalten

Wichtig zu wissen: Die benötigte Zusatztechnik ist so individuell wie es die Hörsituationen ihres Benutzers sind. Im Folgenden möchte ich einige Anregungen geben. Grundlegendes Wissen über die Funktionsweise einer FM-Anlage und eines induktiven Kopfhörers setze ich dabei voraus.

Als Zuhörer bei einem Vortrag: Im einfachsten Fall kommt man frühzeitig, setzt sich in die Nähe des Rednerpults und hofft das Beste. Hat man einen Roger Pen, kann man diesen auf den Sprecher oder ein Saalmikrofon richten. Auch bei 5m Abstand hört man den Sprecher noch lauter und deutlicher als „ohne“.

Besser ist die Sprachqualität, wenn man den Pen (oder einen anderen FM-Sender) auf das Rednerpult legt. Davor bitte unbedingt Personal des Veranstalters (z.B. Hostessen oder Einlasskontrolle) ansprechen und erklären, dass man dies zum Hören benötigt. Insbesondere wenn der Sprecher prominent ist, wird die Security unruhig, wenn ein unbekanntes elektronisches Gerät herumliegt. Wenn möglich, sollte man gemeinsam mit dem Verantwortlichen für die Tontechnik einen kurzen Sprechtest am Mikrofon machen, um auszuschließen, dass es zu Rückkopplungen kommt.

Die beste Verständlichkeit ohne Hall und Nebengeräusche gibt es, wenn man den FM-Sender direkt an die Soundanlage im Saal anschließen kann. Eine solche Anlage gibt es immer, wenn im Saal Mikrofone und Lautsprecher vorhanden sind. Soundanlagen sind teils fest verbaut, teils sind es Wagen, die bei Bedarf in den Saal geschoben werden. Allen gemeinsam ist, dass sie in der Regel eine 6,35 mm-Buchse für den Anschluss eines Kopfhörers haben. An die meisten FM-Sender kann man ein Kabel anschließen, das am anderen Ende einen 3,5 mm-Klinkenstecker hat. Mit Hilfe eines Adapters auf 6,35 mm kann so der FM-Sender an die Soundanlage angeschlossen werden.

Der Vorteil ist, dass alle Mikrofone im Saal über diese Anlage gesteuert werden. Wenn nach dem Vortrag Mikrofone für Zuhörerfragen herumgereicht werden, kann man der Diskussion gut folgen. Wichtig ist, dass sich der Sender in Reichweite des FM-Empfängers befindet. Wenn die Soundanlage in einem Nebenraum versteckt ist, ist der Empfang durch die Wände hindurch meist zu schlecht. Normalerweise reicht es, ca. eine halbe Stunde vor Beginn des Vortrags zu kommen und nach dem Tontechniker zu fragen. Dieser kennt sich zwar i.d.R. nicht mit FM-Sendern aus, weiß aber Bescheid, wenn man sagt, dass man einen Tonausgang für einen 3,5mm oder 6,36 mm Klinkenstecker benötigt. Falls ein Anschluss an die Soundanlage nicht möglich ist, kann man auf die zuvor beschriebenen Möglichkeiten ausweichen.

Einen FM-Sender an die Soundanlage anzuschließen, empfiehlt sich auch immer dann, wenn man selbst einen Vortrag hält und anschließend mit den Zuhörern diskutiert. Wichtig ist, möglichst schon bei der Zusage zu der Veranstaltung in Erfahrung zu bringen, welche Technik in dem Saal vorhanden (und funktionsfähig!) ist. Dazu wissen die Veranstalter i.d.R. wenig, können aber Kontakt mit dem Tontechniker herstellen. Im Zweifel bittet man darum, ein whatsapp-Foto o.ä. von den vorhandenen Anschlüssen zu schicken.

Besprechungen: In sehr großen Räumen (ab ca. 30 Personen) finden sich meist Konferenzanlagen mit Tischmikrofonen. Durch Druck auf eine Taste wird das Mikrofon für den jeweiligen Sprecher freigeschaltet. 


Konferenzanlage – Roger Pen ist an Kopfhörerbuchse angeschlossen

Die meisten Tischmikrofone haben eine Buchse für 3,5mm Klinkenstecker, so dass man einen Induktionskopfhörer oder den FM-Sender anschließen kann. Wichtig: Vor Veranstaltungsbeginn Soundcheck machen! Darauf achten, dass am Tischmikrofon der richtige Kanal eingestellt ist (meist 0 oder 1). Bei der Vorstellungsrunde weise ich kurz auf meine Hörschädigung hin und bitte um Benutzung der Mikros. Sobald es der erste vergisst (dies passiert immer!), funke ich sofort kurz und freundlich dazwischen. Die Lernkurve der Teilnehmer ist phänomenal, wenn man dies konsequent tut.

Besprechungen in mittelgroßen Runden bis ca. 30 Teilnehmern finden häufig in Räumen ohne vorhandene Saaltechnik statt. Ein normaler FM-Sender liefert in solchen Runden zu schlechte Tonqualität. Die Konferenzmikrofone, die es z.B. von Phonak oder Comfort Audio gibt, sind für solche Situationen optimiert, es können auch mehrere miteinander gekoppelt werden. Bei den beliebten U-förmigen Tischanordnungen nehme ich z.B. den Roger Pen für „meine“ Seite des U und platziere je ein Konferenzmikrofon an den beiden anderen Seiten. Bei langen schmalen U-Schenkeln kann man die Mikrofone auch auf Stühlen platzieren, die man in die Mitte zwischen die Tischreihen stellt. So wird jedenfalls kein Kaffee auf die Mikrofone gekleckert.

Die Soundqualität ist schlechter als bei einem Anschluss an eine Tischmikrofonanlage. Es werden auch Papierrascheln und Geschirrgeklapper übertragen und die weiter vom Mikrofon entfernten Sprecher klingen leiser und halliger. Aber deutlich besser als nichts.

Videokonferenzen mache ich, wenn irgend möglich, an meinem Arbeitsplatz-PC, indem ich einen Induktionskopfhörer an die standardmäßig vorhandene Kopfhörerbuchse anschließe. Unbefriedigend sind Videokonferenzen mit mehreren in einem Raum anwesenden Personen, wobei weitere Personen per Bildschirm zugeschaltet werden. Unsere hochmoderne Anlage im Wert einer 6-stelligen Summe sieht leider keine Anschlussmöglichkeit vor, die es erlaubt, sowohl die Anwesenden als auch die zugeschalteten Personen zu verstehen. So behelfe ich mich damit, den Roger Pen und die Konferenzmikrofone im Raum zu verteilen und eines neben dem Lautsprecher zu platzieren, aus dem die Stimme vom Bildschirm kommt. Die Tonqualität ist unterirdisch und ich weiß oft nicht, ob ich mit oder ohne Technik schlechter dran bin.

Telefonkonferenzen mache ich mit meinem Arbeitsplatztelefon. Da ich die zugeschalteten Teilnehmer oft nicht an der Stimme auseinanderhalten kann, vereinbare ich, dass jeder bei einer Wortmeldung kurz seinen Namen sagt. Gute Vorbereitung und disziplinierte Gesprächsführung reduzieren den Hörstress zusätzlich, da scheue ich mich notfalls nicht, moderierend einzugreifen. Sind mehrere Teilnehmer mit mir im Raum, nutze ich statt meines Telefons ein Konferenztelefon. Dieses hat einen tellergroßen Lautsprecher mit sehr guter Klangqualität. Wer wissen möchte, wie so etwas aussieht: die google-Bildersuche hilft.

In Bundestag und Bundesrat funktioniert es im Grunde auch wie oben beschrieben. Allerdings darf aus Gründen der Abhörsicherheit manchmal keine Funktechnik (also keine FM-Anlage) verwendet werden. Induktion ist dagegen kein Problem. Im Plenum und den Ausschusssitzungssälen ist eine Dolmetschanlage für fremdsprachige Besucher auf Infrarotbasis vorhanden. Wer einmal eine Bundestagsdebatte verfolgen möchte, sollte den Besucherdienst des Bundestages vorab kontaktieren und mit Hinweis auf die Hörschädigung bitten, bei der Tontechnik einen tragbaren Empfänger für die Dolmetschanlage auszuleihen. Dort schaltet man den Kanal für den Originalton ein, stöpselt einen Induktionskopfhörer ein und kann so der Debatte folgen.

Beim Einsatz von Zusatztechnik ist Experimentierfreude und Frustrationstoleranz gefragt. Jede Situation ist anders, und die Technik will nicht immer, wie sie soll. Mit zunehmender Erfahrung winkt aber reicher Lohn: Viele neue Hörwelten tun sich auf!

Text und Bilder: Dr. Tanja Laier
Dr. Tanja Laier lebt in Berlin, ist Juristin und arbeitet als Referatsleiterin in einem Bundesministerium. Sie ist infolge einer Infektion als Kleinkind an Taubheit grenzend schwerhörig geworden und hört mit zwei CI’s seit 2008 und 2013. 

Handelsübliches Konferenztelefon für Telefonkonferenzen
Handelsübliches Konferenztelefon für Telefonkonferenzen


Meine technische Ausrüstung, bestehend aus (von oben nach unten und links nach rechts) Multi-Ladegerät, 2 Phonak Konferenzmikrofone, 1 Phonak Roger Pen, zwei Fernbedienungen für die Konferenzmikrofone, 1 Kabel für Anschluss des Pen an Soundgeräte, 1 Adapter für große Klinke, 2 Phonak FM Empfänger

Phonak Roger Pen, Anschlusskabel für Soundanlage, Adapter
Phonak Roger Pen, Anschlusskabel für Soundanlage, Adapter

Anordnung Konferenzmikrofone bei U-Formation
Anordnung Konferenzmikrofone bei U-Formation


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