Einseitig taub – mit CI beidseitig hören

Für Betroffene von einseitiger Taubheit werden Gespräche im Café zur Tortur, der Straßenverkehr wird zur Gefahr, viele Alltagssituationen sind ermüdend. Dennoch galt für einseitig Ertaubte lange Zeit: „Damit muss man leben.“ Heute weiß man: Cochlea-Implantate bringen das Richtungshören zurück – auch bei einseitiger Taubheit.

Herr Schatzer, was versteht man unter einseitiger Taubheit?

Reinhold Schatzer: Von einseitiger Taubheit, auch Single Side Deafness (SSD) genannt, spricht man, wenn ein Ohr taub ist, während das andere normal hört. Einseitige Taubheit bei Kindern entsteht oft durch angeborene Fehlbildungen. Auch Infektionen wie Mumps oder das Zytomegalie-Virus können Auslöser sein. Bei Erwachsenen tritt SSD meist nach einem Hörsturz auf: Innerhalb weniger Stunden oder Tage ist das Gehör auf einer Seite weg; die Ursache bleibt hier oft ungeklärt.

Weltweit entscheiden sich immer mehr Menschen mit SSD für ein Cochlea-Implantat. Woran liegt das?

Früher dachte man: „Ein Ohr reicht.“ Heute wissen wir, dass Betroffene große Einschränkungen haben. Das Richtungshören fällt ihnen schwer, Gespräche in Gesellschaft oder im Straßenverkehr werden als belastend wahrgenommen, auch Restaurantbesuche strengen an. Das hat oft zur Folge, dass Betroffene sich zurückziehen.

Bei Hörverlust kommen teils auch Systeme wie CROS-Hörgeräte oder Knochenleitungslösungen zum Einsatz. Warum sind Cochlea-Implantate bei SSD überlegen?

Weil nur ein CI das Hören auf der tauben Seite wiederherstellt. Andere Systeme leiten Schall lediglich auf das gesunde Ohr um. Das Richtungshören bleibt eingeschränkt, im Störlärm sind die Ergebnisse hier nicht so gut wie mit dem CI. Ein CI hingegen ermöglicht binaurales Hören: Man erkennt, woher ein Geräusch kommt, versteht Sprache besser und ermüdet weniger schnell.

Welche Rolle spielt rasches Handeln? Sollten Betroffene sich möglichst schnell ein CI einsetzen lassen?

Früher war eine langjährige Taubheit ein Ausschlusskriterium für ein CI. Studien zeigen, dass Verbesserungen beim Richtungshören und Sprachverstehen auch noch Jahre nach Eintritt der Taubheit möglich sind1. Auch nach 20 oder 30 Jahren kann ein CI erfolgreich sein; unter der Voraussetzung einer erworbenen SSD. Es braucht jedoch Geduld und Training. Entscheidend ist also weniger die Dauer der Taubheit, sondern die Motivation, das Implantat konsequent zu nutzen.

Das menschliche Gehirn ist auf beidseitiges Hören ausgerichtet. Sobald es wieder Input von der tauben Seite erhält, lernt es, diese Information zu nutzen. Viele Patienten können schon nach Monaten wieder Richtungshören – und sie behalten diese Fähigkeit. Mit gezieltem Training gelingt das noch schneller.

Gilt das auch für Kinder?

Hier ist es etwas anders; bei Kindern mit angeborener SSD ist schnelles Handeln besonders wichtig. Das Gehirn reorganisiert sich sehr schnell, und die Hörbahn auf der tauben Seite kann verkümmern. Je früher ein Cochlea-Implantat eingesetzt wird, desto besser sind die Chancen, dass das Kind wieder auf beiden Ohren gut hört.

Wenn ein Kind das Richtungshören bereits erlernt hat und erst später das Hören auf einem Ohr verliert, sind die Erfolgsaussichten auch bei einer späteren Implantation noch gut. Anders sieht es bei angeborener Taubheit aus: Hier ist eine frühe Versorgung entscheidend.

Ein häufig diskutiertes Thema ist die tonotope Diskrepanz. Was bedeutet das?

Die Hörschnecke ist tonotop organisiert bzw. aufgebaut, wie eine Klaviatur. Die tonotope Diskrepanz kann durch das Einführen einer CI-Elektrode über die ganze Hörschnecke minimiert werden. Ein Implantat stimuliert den Hörnerv elektrisch – das entspricht nicht exakt dem natürlichen Hören. Bei SSD fällt dieser Unterschied besonders auf, weil das gesunde Ohr normal funktioniert. Deshalb ist die Anpassung so entscheidend: Die elektrische Stimulation muss so eingestellt werden, dass beide Ohren harmonisch zusammenspielen. Hier sollten die Betroffenen geduldig sein, denn das Gehirn muss sich an die neue Hörwelt gewöhnen.

Welche Rolle spielt die Bildgebung?

Eine große. CT und MRT zeigen Anatomie für die Diagnostik und Indikationsstellung sowie postoperative Elektrodenlage. Die Information zur Elektrodenlage hilft, die tonotope Platzierung zu erfassen und die Anpassung individuell zu optimieren.

Wie sollte die postoperative Betreuung aussehen, damit Betroffene den maximalen Nutzen haben?

Erstens: Es ist wichtig, realistische Erwartungen zu fördern. Kaum jemand hört von Tag eins an wieder „normal“. Zweitens: Die Wichtigkeit konsequenten Trainings muss vermittelt werden – auch sollte die implantierte Seite immer wieder allein geübt werden, sonst dominiert das nicht ertaubte Ohr. Drittens: Alle Seiten sollten sich auf eine langfristige Begleitung mit regelmäßigen Anpassungen einstellen.

Lassen sich präoperative Faktoren benennen, die den Erfolg verlässlich vorhersagen können?

Eine Garantie gibt es nicht, aber Tendenzen. Eine kürzere Dauer der Taubheit, der Erwerb im Erwachsenenalter und eine hohe Motivation sind z. B. günstige Voraussetzungen. Wichtig ist, angeborene Ursachen zu erkennen. Und man sollte sich auch im Klaren sein, dass der Hörnerv vorhanden und intakt sein muss, sonst nützt ein Cochlea-Implantat nichts. In solchen Fällen sind Knochenleitungsgeräte in der Regel die bessere Option.

Wo sehen Sie aktuell den größten Forschungsbedarf?

Vor allem bei Kindern: Wir müssen besser verstehen, wie früh wirklich „früh genug“ ist, und wie lange die Hörbahn offen bleibt. Auch die Optimierung der Stimulation – Stichwort tonotope Diskrepanz – ist zentral. Darüber hinaus brauchen wir mehr Langzeitstudien: Welche Auswirkungen hat ein CI auf Kognition, Lebensqualität oder das Demenzrisiko? Schließlich geht es um technische Innovation: kleinere, effizientere Systeme bis hin zu voll implantierbaren CIs. (Quelle: Med-El)

Miriam Rauh und Dr. rer. nat. Reinhold Schatzer, Team Leader, Sound Coding, R&D Signal Processing & Fitting und SSD-Topic-Manager, MED-EL Medical Electronics, Innsbruck 

Das Interview erschien in der Schnecke 131/Frühling 2026, die Sie hier bestellen können.

Was steckt hinter den Begriffen? Die Hörhilfen aus dem Interview, in kurzen Worten erklärt:

CROS-Hörgeräte (Contralateral Routing of Signal) sind spezielle Hörlösungen, die den Schall vom tauben Ohr zum anderen Ohr leiten, sodass das gesunde Ohr die Geräusche beider Seiten wahrnehmen kann.

Ein Knochenleitungsimplantat leitet Schallschwingungen über den Schädelknochen direkt an das Innenohr weiter, um Schäden am Außen- oder Mittelohr zu umgehen.

Cochlea-Implantate (CI) sind elektronische Hörprothesen, die bei Menschen mit schwerer bis hochgradiger Schwerhörigkeit oder Taubheit eingesetzt werden. Sie stimulieren direkt den Hörnerv, um das Hören zu ermöglichen.

Literaturnachweis: 1 Tavora-Vieira D; Boisvert I; McMahon CM; Maric V; Rajan GP (2013). Successful outcomes of cochlear implantation in long-term unilateral deafness: brain plasticity? NeuroReport 24(13), p. 724–9. Dauer der SSD von 27 – 40 Jahren in der Studienkohorte.


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