App gegen Schwindel – Studie bestätigt Wirksamkeit

  • Digitale Therapie zeigt Potenzial: Eine App-basierte Reha reduziert Schwindelbeschwerden.
  • App-Nutzer trainieren häufiger.
  • Versorgungslücke: Gesetzliche Krankenkassen zahlen nicht

Eine digitale Übungstherapie kann bei Schwindel helfen. Forscher der Universitätskliniken in Tübingen, München und Aachen haben eine klinische Studie mit 212 Patientinnen und Patienten durchgeführt. Die eine Hälfte erhielt die Standardtherapie, die andere wurde mit einer digitalen Therapie behandelt. Die Behandlung dauerte bei allen Teilnehmenden zwölf Wochen.

Hilfe bei vestibulärem Schwindel

Alle Patienten litten unter vestibulärem Schwindel. Dabei ist das Gleichgewichtssystem im Innenohr betroffen, das Bewegungen und Lageveränderungen an das Gehirn meldet. Störungen können dazu führen, dass Betroffene unsicher gehen oder Dreh- und Schwankschwindel verspüren.

„Viele Patientinnen und Patienten leiden über lange Zeit unter Schwindel, für den Medikamente häufig nur begrenzt wirksam sind“, erklärt Prof. Dr. Hubert Löwenheim, Ärztlicher Direktor der Universitätsklinik für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde in Tübingen.

Training des Gleichgewichtssinns

In der App sind rund 300 spezielle Gleichgewichtsübungen hinterlegt. Abhängig von der ärztlichen Diagnose werden individuelle Trainingspläne erstellt. „Die Patientinnen und Patienten führen die Übungen über einen Zeitraum von 90 Tagen täglich etwa 20 Minuten zu Hause durch“, erklärt Dr. med. Stephan Wolpert, HNO-ärztlicher Leiter des Tübinger Zentrums für Schwindel- und Gleichgewichtserkrankungen. „Ziel ist es, das Gleichgewichtssystem zu trainieren und dem Gehirn zu helfen, Schwindelsignale besser zu verarbeiten und auszugleichen.“

Beschwerden gehen deutlich zurück

Nach zwölf Wochen zeigten sich laut Universitätsklinikum Tübingen signifikante Unterschiede zwischen den Gruppen: „In der App-Gruppe gingen die Schwindelbeschwerden im Durchschnitt um etwa zwei Drittel zurück, während sich die Symptome in der Vergleichsgruppe deutlich weniger verbesserten.“

Auch die veröffentlichte Studie bestätigt einen klaren Vorteil der App. Die Beschwerden nahmen in der App-Gruppe deutlich stärker ab als unter der Standardbehandlung. Gemessen wurde dies anhand eines etablierten Schwindel-Scores, der sich in der App-Gruppe im Durchschnitt klar stärker verbesserte als in der Kontrollgruppe.

Allerdings ist der Vergleich nur eingeschränkt aussagekräftig: Die Kontrollgruppe erhielt lediglich eine „übliche Behandlung mit Physiotherapie“, während die App täglich angewendet wurde. Die deutlich unterschiedliche Intensität der Therapie erschwert eine direkte Vergleichbarkeit der Ergebnisse.

App bisher nur eingeschränkt verfügbar

Trotz des Erfolgs ist die App nicht für alle Patienten verfügbar. Derzeit übernehmen gesetzliche Krankenkassen die Kosten in der Regel nicht. Auf der Internetseite des Anbieters heißt es, Anträge würden häufig abgelehnt und die App werde nur selten als freiwillige Leistung erstattet. Für Selbstzahler kostet die Anwendung laut Anbieter rund 220 Euro. (Markus Rinke)

Quellen: Universitätsklinikum Tübingen, Ärzteblatt, Vertisan, PubMed


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