01. April 2019

„Wer fühlen will, muss hören“

Unter diesem Motto stand die diesjährige Tagung westdeutscher HNO-Ärzte. Denn, so Tagungspräsident Andreas Neumann: „Uns HNO-Ärzten kommt eine besondere Verantwortung zu, Menschen durch eine Hörverbesserung ein besseres Lebensgefühl zu geben, sei es durch Hörgeräte, rekonstruktive Mittelohrchirurgie oder Hörimplantate.“ Erstmals befasse man sich auch mit dem Thema Musikermedizin.

Die Vereinigung Westdeutscher Hals-, Nasen-, Ohrenärzte von 1897 legt Wert darauf, die älteste deutsche HNO-Fachgesellschaft zu sein – auch wenn die „Nase“ erst 1931 in den Namen der Gesellschaft Einzug hielt.

Im 123. Jahr ihres Bestehens tagte die Vereinigung am 29. und 30. März in Neuss, einer der ältesten Städte Deutschlands, und dort in einem ebenfalls ehrwürdigen Gebäude, dem Zeughaus. Vor Säkularisation und militärischer Zweckentfremdung war der Bau ein Kloster, gleich neben dem spätromanischen Quirinus-Münster gelegen. Das ließ sich hören.

Die Akustik des Gebäudes spielte in der Tagung eine tragende Rolle. Der einleitende Festvortrag des Detmolder Ingenieurs und Sängers Prof. Malte Kob widmete sich der Frage, wann eine Raumakustik als gut empfunden wird. Musiker und Redner haben dazu sehr unterschiedliche Meinungen, machte Kob klar und illustrierte das an lebendigen Beispielen.
Direktschall konkurriere mit Diffusschall. Redner und ihre Zuhörer schätzten den direkten Schall und nähmen diffuses Drumherum als Störgeräusche wahr. Orchester und Musiker hingegen liebten den diffusen Nachhall, der es erlaube, in Musik gleichsam „einzutauchen“, so Kob. Der Kölner Dom habe eine Nachhallzeit von mehr als sieben Sekunden, in einem guten Tonstudio hingegen dürfe der Nachhall nicht länger als 0,3 Sekunden dauern.

Erst hören, dann bauen!
Die Teilnehmer der Tagung erfuhren von Kob auch, warum der neugestaltete Konzertsaal in Bayreuth eine als besonders gelungen geltende Akustik habe: Das Orchester verschwindet dort in einem Graben mit Deckel, im „mystischen Abgrund“. Vom Orchester treffe ergo kein Direktschall die Ohren der Zuhörer. Das bleibe dem Gesang vorbehalten. Kob: „Das wollte Wagner.“
Leider werde beim Bau von Sälen oder Klassenzimmern der Akustiker „oft erst gefragt, wenn es zu spät ist“. Mit schlichten baulichen Maßnahmen sei das Hören viel leichter und preiswerter zu optimieren als durch nachträgliche Installationen.
Christiane Völter aus Bochum legte in ihrem Fachvortrag nach, dass und weshalb Musik beim Sprachhören und -verstehen eine Hilfe sei. Unter Verweis auf Schnecke Nummer 98 („Hier ist Musik drin!“) gab sie einen Überblick über musiktherapeutische Angebote für CI-Träger. Längst sei belegt, dass die intensive Beschäftigung mit Musik mindestens das räumliche Denkvermögen signifikant verbessere („Mozart-Effekt“). In Nordrhein-Westfalen sei dank des Projektes „Jedem Kind ein Instrument“ nachgewiesen worden, dass musizierende Schüler oft bessere Leistungen erbringen.

Die Bochumer Dozentin drehte deshalb das Motto der Tagung um und konstatierte: „Wer hören will, muss fühlen“.

Bilder/Text: Schnecke/uk

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