28.01.2016

Tinnitus: „Jeder hat ein Grundrauschen“

„Ich höre was, was Du nicht hörst“: In den Industrieländern hat sich Tinnitus zur Volkskrankheit Nummer 1 entwickelt. Doch erforscht ist diese Krankheit kaum. Demzufolge mangelt es an Belegen für erfolgreiche Therapien. Birgit Mazurek empfahl auf dem BIHA-Tinnitustag:  „Ändern Sie Ihr Zeitmanagement!“

Tinnitus ist ein Geräusch, das es nicht gibt, das aber Qualen auslösen kann. Tinnitus-Patienten nehmen Töne wahr, die nicht auf Schallwellen beruhen. Sie beschreiben sie als Pfeifen, Brummen,  Klopfen oder Rauschen, als gleichbleibend oder rhythmisch an- und abschwellend. In jedem Fall als störend, ärgerlich, Schlaf raubend, krank machend.

Birgit Mazurek ist Direktorin des Tinnituszentrums der Berliner Charité. Auf dem zweiten Tinnitustag der Berufsinnung der Hörakustiker (BIHA) im Herbst in Frankfurt gab die Professorin ernüchternde Antworten auf die ihr gestellte Frage: Welche Therapien zur Heilung von Tinnitus-Patienten sind in Zukunft zu erwarten? Zusammengefasst: Nicht nur sind zur Zeit keine revolutionären  Heilungsmethoden in Sicht, auch die gängigen Therapien müssen sich der Evidenzprüfung unterziehen und sind zum Teil wenig belegt.

Helfen Medikamente?

Forscher sprechen von der „pharmakologischen Intervention“. So beeindruckend das klingt und so große Hoffnungen viele Ärzte in die Verabreichung etwa des Stresshormons Cortisol setzen, Birgit Mazurek empfiehlt Zurückhaltung: „Cortisol ist nicht das Allroundmittel.“ Im Moment gebe es schlichtweg „kein Medikament für das chronische Ohrgeräusch.“ Im Gegenteil: manche Medikamente können auch Tinnitus entstehen lassen oder verstärken: Die häufige Einnahme von Aspirin in hohen Mengen kann die Tinnitus-Wahrscheinlichkeit sogar erhöhen.

Helfen Hörgeräte?

Birgit Mazurek: „Hörgeräte sind sinnvoll bei Hörverlust. Als direkte Intervention bei Tinnitus fehlen noch Studiendaten. Allerdings weiß man aus dem klinischen Alltag, dass Hörgeräte vom Tinnitus ablenken.“

Da vier von fünf Tinnitus-Patienten nach Angaben von Brigitte Weitkamp-Moog, Hörakustiker-Meisterin in Schweinfurt, einen Hörverlust erleiden, könnte die rechtzeitige Versorgung mit Hörgeräten durchaus sinnvoll sein: Das Hören wird besser, auch wenn das unerwünschte Geräusch bleibt, aber im Hintergrund.

Ist der Tinnitus mit hörtherapeutischen Maßnahmen zu besiegen?

Birgit Mazurek: „Wir brauchen dazu weitere gute Studien. Bisherige Studienergebnisse zeigen eine Empfehlung, aber auf geringer Evidenzlage.“

Wie steht es mit der kognitiven Verhaltenstherapie?

Damit, so Mazurek, könne in der Tat eine „Verbesserung der Lebensqualität“ bewirkt werden. Das ändere aber leider „nicht die Lautheit des Tinnitus“.

Was also „bringt“ etwas?

Möglicherweise hilft, jedenfalls dort, wo sich eine solche Operation anbietet - bei ein-oder doppelseitiger Taubheit ,- das Einsetzen eines Cochlea Implantats. Zwar seien auch hier die Fallzahlen  zu winzig, um wissenschaftlich belastbare  Schlüsse zu ziehen, aber in den bekannten Fällen habe der Einsatz eines CI bei Tinnitus-Patienten „überzufällig häufig“ eine Verbesserung bewirkt, so die Professorin.

Und ansonsten?

„Jeder hat ein gewisses Grundrauschen,“ das zeige die neuro-biologische Forschung: „Jeder hat eine Tinnitus-Bereitschaft.“ Doch unter welchen Umständen wird aus dem Grundrauschen eine quälende Krankheit? Auf jeden Fall wohl spielt der Faktor Chronischer Stress eine Rolle.

Negative Gedanken verstärken den Tinnitus

In der Charité hat man Ratten 24 Stunden lang unter permanenten Stress gesetzt. Birgit Mazurek:  „Das entspricht drei Monaten beim Menschen.“ Die Folge waren klar messbare neuronale Veränderungen. Was dies bedeutet, verdeutlicht die Wissenschaftlerin mit einem drastischen Bild: „Ein Mammut zu jagen ist toll. Aber jede Woche ein Mammut zu jagen ist nicht gesund.“

Schwedische Studien hätten zudem gezeigt, dass emotionale Erschöpfung – wie sie auch, aber nicht nur, beim permanenten Jagen nach Mammuts oder ehrgeizigen Unternehmenszielen auftreten mag – mit erhöhter Wahrscheinlichkeit zu einem Hörverlust oder Ohrgeräuschen führt. Also empfehlen sich „der Abbau von schädlichem Stress“ und das Vermeiden emotionaler Erschöpfung.

Mitentscheidend für die Stärke des Leidens ist offenbar, wie man mit Stress und dessen Folgen umgeht. „Negative Gedanken können den Tinnitus verstärken,“ so Mazurek. Denkt man: „Es wird alles schlimmer“, so wachse die Wahrscheinlichkeit, dass zumindest der Tinnitus schlimmer wird.

Folglich müsse es darum gehen, „negative Gedanken wegzukriegen“. Dabei helfe es, ablenkende und entspannende Fertigkeiten zu entwickeln und zu pflegen. Etwa: Häkeln, Stricken, Tanzen. Aber auch Rotwein zu trinken und Selbstgespräche zu  führen, Kontakte jenseits der Arbeitswelt zu pflegen. Auf jeden Fall empfiehlt die Professorin: „Ändern Sie Ihr Zeitmanagement!“ (Schnecke Nr. 90)

 

 


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