19.06.2015

Neue Musiktherapie: Ohrgeräusch einfach wegsummen

Sie müssen keine tolle Gesangsstimme haben, allerdings müssen Sie selbst zur Tat schreiten – und summen! Wissenschaftler an der Universität des Saarlandes haben untersucht, warum eine Musiktherapie bei Tinnitus so gut wirkt. Eine einfache, von Heidelberger Forschern entwickelte Therapie, hilft dabei, lästige Ohrgeräusche buchstäblich wegzusummen, belegte eine Studie. 80 Prozent der Patienten empfanden danach ihre Ohrgeräusche nicht mehr als quälend. Und bei acht Prozent verschwand der Tinnitus sogar ganz.

Die Studie, die nun dazu von Forschern der Universität des Saarlandes durchgeführt wurde, will belegen, dass sich Tinnitus mit dieser simplen Variante der Musiktherapie bereits nach kurzer Zeit lindern lässt. Dazu brachten die Wissenschaftler den Patienten im Rahmen einer Neuro-Musiktherapie bei, die heilsamen Töne selbst zu summen. Anders als bei herkömmlichen Therapien, reichte es nicht, dass sich die Betroffenen einfach berieseln ließen, sie mussten vielmehr selbst aktiv werden.

Häufig entsteht der Tinnitus, weil Betroffene bestimmte Frequenzen plötzlich weniger gut hören können. "Man kann sich das wie eine Klaviertastatur vorstellen, bei der eine Taste fehlt, denn das menschliche Gehör ist nach Frequenzen geordnet," erklärt Biologe Christoph Krick der Saar-Universität in Homburg. "Da das Gehirn den fehlenden Ton erwartet, aber nicht empfängt, versucht es diesen – analog zu einem Verstärker – lauter zu drehen. Die Folge kann eine Rückkopplung sein, die durch die Selbstanregung als Phantomgeräusch wahrgenommen wird." Soll der Tinnitus weggehen, muss daher das Gehirn quasi umtrainiert werden. Verschiedenen Therapien versuchen dies beispielsweise durch sogenanntes weißes Rauschen oder auch durch Musik, aber auch durch Verhaltenstherapie.

Gehirn soll lernen, fehlende Frequenzen wieder wahrnehmen

Das Prinzip dahinter: Beim Summen erzeugt die Stimme automatisch auch Obertöne, von denen einige die Tinnitusfrequenzen treffen. "Die Tinnitus-Patienten können über das Nachsummen und Singen von Grundtönen zur meist höheren Tinnitus-Frequenz den fehlenden Ton im Gehirn rekonstruieren", erläutert Krick. Das soll das Gehirn dazu bringen, die im Gehör fehlenden wieder vermehrt wahrzunehmen und dadurch ihre fehlgeleitete Übersteuerung dieser Frequenzen rückgängig machen.

Wie gut die Tinnitus-Therapie wirkt und was sich dabei im Gehirn verändert, haben Krick und seine Kollegen nun in einer Studie überprüft. Dafür unterzogen sich Probanden mit Tinnitus und gesunde Vergleichsteilnehmer einer intensiven Kompaktversion der Therapie, die nur fünf Tage dauert. Die Vorgänge im Gehirn der Teilnehmer prüften die Forscher dabei mit einem funktionellen Magnetresonanztomographen (fMRT).

Gehirn baut sich nach wenigen Tagen um

Das fMRT zeigte: Schon nach fünf Tagen haben sich die Gehirnstruktur aller Probanden verändert – egal ob sie an einem Tinnitus litten oder nicht. Bei Tinnitus-Patienten reorganisierte der Lernfortschritt während der Musiktherapie jenes Hirngewebe im Gehörkortex, das aufgrund der Tinnitus-Störung zuvor abgebaut wurde.

"Bisher war man davon ausgegangen, dass Lernfortschritte nur die Aktivitäten im Gehirn verändern, also quasi eine neue Software aufspielen", sagt Krick. "Wir konnten jedoch nachweisen, dass schon nach wenigen Tagen die Denkzellen, die den Höreindruck verarbeiten, nachgewachsen sind. Es wurde sozusagen die Festplatte des Gehirns umgebaut und zwar dauerhaft." Die Experten sehen hier den Grund für den nachhaltigen Erfolg der Therapie: "Der Lernvorgang hatte sich offensichtlich in das Gehirn ‚eingebrannt'", stellt Krick fest.

Die positiven Effekte waren auch die Probanden spürbar: 80 Prozent empfanden nach dieser Behandlung den Tinnitus nicht mehr als quälend, bei acht Prozent verschwand er ganz. "Bei den Patienten, die den Therapiefortschritt als besonders erfolgreich wahrgenommen haben, waren auch die stärksten Veränderungen im Gehirn zu beobachten", berichtet Krick. Das Erstaunliche dabei: Die Wirkung trat schon nach den fünf Tagen der Kompakttherapie ein – und blieb auch drei Jahre danach noch erhalten.

 

Quellen:

Pressemitteilung Universität des Saarlandes, 24.03.2015
Veröffentlicht in: Frontiers in Neuroscience, 2015


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