16.03.2015

Musiktherapie für gehörlose und schwerhörige CI-Patienten

Ein musiktherapeutisches Training zeigt erste Erfolge in der Frührehabilitation von CI-Trägern. Das Konzept wurdeam Deutschen Zentrum für Musiktherapieforschung entwickelt.

Musikalische Vorlieben sind ganz individuell: Ob Pop, Klassik, Jazz oder Volksmusik, meist mögen wir nur bestimmte Lieder, Musikstücke und Komponisten. Andere Musikrichtungen sind uns eher fremd, sodass wir wenig Zugang zu ihnen finden.
Wenn sich unser Hören durch Schwerhörigkeit, Hörgeräte oder ein CI verändert, kann Musik zu einem unangenehmen und enttäuschenden Erlebnis werden. Ein CI macht das Hören zu einer neuen Erfahrung und zu einem ungewohnten Eindruck. Auch Klänge und Musik, die zuvor angenehme Empfindungen in uns ausgelöst haben, verändern sich, sodass die einstmalige Freude beim Hören oft verschwindet.

Als Herr B. zur ersten Therapiesitzung zu uns kam, teilte er uns nach einigen Übungen am Klavier und Ausschnitten aus Musikstücken Folgendes mit: "Wenn Sie mir jetzt ’Die kleine Nachtmusik‘ von Mozart vorgespielt hätten, da hätte ich wahrscheinlich gesponnen, die hätte ich nicht erkannt, obwohl ich die so gerne höre. Da bin ich noch enttäuscht, das klingt dermaßen verrückt, unmöglich! Und das habe ich früher gerne gehört!" Wie aus den Anmerkungen des CI-Trägers ersichtlich wird, gestaltet sich das Hören mit dem CI trotz großer Fortschritte in Technik und Medizin nicht immer einfach, beispielsweise beim Sprachverstehen in Umgebungsgeräuschen, bei der Sprachmelodie oder besonders beim Musikhören. Hier setzt die Musiktherapie an.

Individuelles Hörtraining als Ergänzung

2012 wurde im DZM e.V. in enger Kooperation mit der Universitäts-HNO-Klinik in Heidelberg ein intensives, individuelles Hörtraining entwickelt. Die Therapie dient als Ergänzung zur bestehenden Frührehabilitation von postlingual ertaubten, in Heidelberg implantierten CI-Trägern. Das musiktherapeutische Training findet in Einzelsitzungen zu je 50 Minuten statt und umfasst fünf bis zehn Therapieeinheiten. Eine Teilnahme an der Musiktherapie ist derzeit innerhalb der ambulanten CI-Rehabilitation der Universitäts-HNO-Klinik in Heidelberg oder im Rahmen einer Studie möglich. Die Inhalte der Therapie orientieren sich daran, dass Sprache und Musik viele Parallelen haben, die sogenannten musikalischen Parameter wie Rhythmus, Klangfarbe und Tonhöhe, und somit ein Training von musikalischen Inhalten auch das Sprachverstehen fördern kann. Das differenzierte Hören von Klängen und Musik bildet den zweiten großen Schwerpunkt der Musiktherapie.

Die Ergebnisse einer Kooperationsstudie mit der Universitäts-HNO-Klinik Heidelberg1)mit zwölf CI-Trägern zeigten die Wirksamkeit der Musiktherapie: Kontrollmessungen zur Veränderung der Wahrnehmung von Klangqualität und Klangfarbe (Hearing Implant Sound Quality Index, HISQUI) ergaben eine deutliche Verbesserung um 37 Prozent (von 77 auf 123 Punkte). Auch in den musikalischen Höraufgaben waren diese Fortschritte erkennbar. In einigen Bereichen wie der Tonhöhendiskrimination war die Leistung mit dem CI von Anfang an meist auf einem hohen Niveau, in schwierigeren Bereichen wie der Klangfarbenerkennung steigerte sich die Anzahl der richtigen Antworten um etwa 50 Prozent. Auffallend war, dass sich die subjektive Selbsteinschätzung der Hörfähigkeit über den Verlauf der Studie deutlich an die tatsächliche Hörfähigkeit annäherte. Dies spiegelte sich in einer hohen Zufriedenheit mit dem CI und der Therapieeffektivität am Ende der Therapie wieder.

Vielversprechende Erfahrungen

Die bisherigen Erfahrungen mit der Musiktherapie in der Frührehabilitation von CI-Trägern sind vielversprechend. In einer aktuellen Studie mit einer größeren Anzahl an Teilnehmern wird das Training weiter evaluiert werden. Um eigene musikalische Aktivitäten, wie Singen und Musizieren von CI-Trägern zu fördern und somit Hemmungen abzubauen, wurde im Frühjahr 2014 ein CI-Musikensemble gegründet. An verschiedenen Instrumenten werden Arrangements von bekannten Liedern erarbeitet und bereiten den CI-Trägern viel Freude am eigenen Musizieren.

Auch Herr B., der am Anfang des Artikels genannt wurde, war mit den Erfolgen der Musiktherapie zufrieden. In der letzten Therapiestunde überraschte ihn die Therapeutin, in dem sie unerwartet "Die kleine Nachtmusik" von W. A. Mozart einspielte. Es dauerte nur wenige Sekunden, bis der CI-Träger erkannte, was er hörte. Sofort freute er sich, wippte und pfiff im Takt mit und stellte überrascht fest: "Oh ja, ’Die kleine Nachtmusik‘ von Mozart! Die klingt fast wieder wie normal! [Hört zu und unterstreicht Melodieführung und Rhythmus mit den Armen]. Am Anfang hab ich die nicht erkannt, jetzt erkenn ich sie – wunderschön!"

Elisabeth Hutter, Dipl.-Psych.
Deutsches Zentrum für Musiktherapieforschung DZM e.V.

(Viktor Dulger Institut),Heidelberg

 

1)Diese Pilotstudie wurde finanziell ermöglicht durch MED-EL Deutschland, Sparkasse Heidelberg, Heinrich-Vetter-Stiftung und die SRH Stiftung.

Zurück