23.02.2015

Mühevollere Konzentration im Alter mindert Hörleistung

Forscher am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig haben herausgefunden, dass es nicht nur am Ohr selbst liegt, wenn ältere Menschen mit Hörproblemen zu kämpfen haben. Vielmehr hat sich gezeigt, dass auch eine kürzere Aufmerksamkeitsspanne im Alter Ursache für nachlassendes Hörvermögen ist.

Nicht nur das Ohr, sondern veränderte Aufmerksamkeitsprozesse im Gehirn älterer Menschen sind nach neuen Erkenntnissen für schlechteres Hören im Alter verantwortlich. Das fanden Wissenschaftler vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig heraus. Eine besondere Bedeutung kommt dabei Hirnwellen, den so genannten Alpha-Wellen zu, deren Anpassung an veränderte Hörsituationen das Sprachverständnis in Alltagssituationen verbessert.

Unser Gehirn ist ständig aktiv. Die winzigen Ströme, die dabei im Gehirn fließen, sind mit Hilfe einer Elektroenzephalografie (EEG) in Form von Spannungsschwankungen an der Kopfoberfläche messbar. Besonders die regelmäßigen Alpha-Wellen mit einer Frequenz von circa zehn Schwingungen pro Sekunde prägen das so gemessene Signal. Bei Höraufgaben zeigt die Stärke dieser Alpha-Wellen die Höranstrengung der Zuhörer an. Jonas Obleser: "Hinter allem, was wir hören, steckt eine Aufgabe", erklärt der Leiter der Forschungsgruppe Auditive Kongnition. "Hören findet nicht statt, damit wir hören. Vielmehr hören wir, um Informationen aufzunehmen, zu verarbeiten und im Gedächtnis zu behalten."

Studienablauf und Studienteilnehmer

Diese Tatsache haben sich die Wissenschaftler der Forschungsgruppe "Auditive Kognition" zunutze gemacht und die Hirnströme der 20 bis 30 Jahre und 60 bis70 Jahre alten Studienteilnehmer während verschiedener Höraufgaben aufgezeichnet. (28 Elektroden sind in einer Kappe eingearbeitet, die die Probanden aufziehen mussten.) Dabei zeigte sich zunächst, dass der Ausschlag der Alpha-Wellen älterer Teilnehmer während der Höraufgabe schneller abnahm als bei jüngeren: Die Teilnehmer sollten gesprochene Zahlen hören und per Knopfdruck angeben, ob die zweite Zahl größer oder kleiner war als die erste. Die Forscher überlagerten die gesprochenen Zahlen außerdem mit einem Störgeräusch. Mit diesem Störgeräusch simulierten die Forscher eine Hörsituation wie sie uns im Alltag ständig begegnet.

Um zu vermeiden, dass die Ergebnisse aufgrund unterschiedlicher individueller Hörleistungen des Ohrs selbst verfälscht würden, testeten die Wissenschaftler vor der Aufgabe die Hörfähigkeit aller Probanden und passten das Sprachmaterial entsprechend an die Bedürfnisse jedes Einzelnen an. So wurde die Aufgabe für jüngere und ältere Teilnehmer gleich schwer.

Aufmerksamkeit Älterer auf akustische Aspekte des Sprachsignals fokussiert

Während die Teilnehmer die Zahlenaufgabe lösten, manipulierten die Forscher die akustische Qualität, indem sie bestimmte Frequenzen aus dem Sprachsignal löschten. Bei den Älteren zeigte sich, dass sie die Aufgaben schneller als die Jungen lösten, wenn die akustische Qualität höher war. Diese hohe Bedeutung der akustischen Qualität für ältere Teilnehmer spiegelte sich auch in den Hirnwellen wider: Mit besserer Sprachqualität wurde der Ausschlag der Alpha-Wellen in der Gruppe der Älteren signifikant kleiner als bei den Jüngeren.

Offenbar verschiebt sich die Aufmerksamkeit im Alter auf akustische Aspekte des Sprachsignals. StudienleiterMalte Wöstmann: "Es zeigte sich, dass bei Älteren die Flexibilität in der Aufmerksamkeitszuweisung eingeschränkt zu sein scheint. Schwerhörigkeit im Alter liegt also auch an der Schwierigkeit zu selektieren." Konzentrationsübungen alleine können dieses Problem folglich nicht lösen, schlussfolgert der Wissenschaftler.

Hörgeräte, die sich an die Hirnaktivität des Trägers anpassen

Auch die Ergebnisse einer Befragung der Teilnehmer deuten darauf hin, dass Qualität des Hörens im Alter die Aufmerksamkeit des Zuhörenden steuert. Die Befragten sollten ihre Schwierigkeiten einschätzen, einer Person zuzuhören, wenn andere Personen im Hintergrund laut sprechen. Den Teilnehmern fiel es umso leichter, trotz Hintergrundlärm zuzuhören, je stärker sie ihre Alpha-Wellen im Experiment an veränderte Akustik und Vorhersagbarkeit anpassten. "Die Modulation der Alpha-Wellen beeinflusst damit das Verstehen von Sprache in alltäglichen Hörsituationen", erklärt Malte Wöstmann.

"Viele Menschen beklagen sich darüber, dass ihre Hörgeräte nicht dynamisch genug seien", weiß er. Das werfe natürlich neue Fragestellungen auf, deren Ziel es sein könnte, "Hörgeräte dynamischer zu machen und die Hörlast an die jeweilige Höranstrengung anzupassen". Eine Lösung sehen die Forscher in einem Hörgerät mit Mini-EEG. "Das misst dann die Hirnströme und gibt an das Hörgeräte verschiedene, situationsbedingte Signale weiter. Zum Beispiel:Achtung, das strengt gerade anoderjetzt braucht der Träger Ruhe. Das EEG könnte aber auch an das Hörgerät melden: Bitte der rechten Stimme zuhören und nicht der von links".

Ausblick

Die Forscher vom Max-Planck-Institut rechnen in rund fünf Jahren mit einem ersten Prototypen.

Quelle: Max-Plack-Gesellschaft

Zurück