20.12.2015

„Mir liegen lange Strecken einfach besser“

Die Gehörlosenschwimmerin Linda Neumann holte bei der Europameisterschaft 2014 in Saransk ihre erste internationale Goldmedaille. Bei der Schwimm-Weltmeisterschaft der Gehörlosen 2015 im texanischen San Antonio verfehlte sie ihr selbstgestecktes Ziel. Wir sprachen mit der 21-jährigen Berlinerin. 

Sind Sie zufrieden mit der diesjährigen Weltmeisterschaft, auch wenn Sie nicht das erhoffte Ziel erreicht haben?
Nein, ich bin sehr traurig und enttäuscht, auch wenn ich alle Finalläufe erreicht habe und zwei Mal den 6. Platz belegte. So hatte ich mir die WM nicht vorgestellt. Bis jetzt haben die internationalen Wettkämpfe immer in einer Halle stattgefunden. Ich war eigentlich glücklich, hatte ein gutes Wassergefühl und konnte dank der neuen Schwimmbrille beim Rückenschwimmen gut sehen, aber ich merkte schon, dass mir das Atmen schwer fiel. Die heiße Luft in Texas (um die 40°C) bereitete mir Probleme. Je mehr ich mich anstrengte, umso schlimmer wurde es. Die Anfangszeiten waren recht gut, aber ab 200m fiel mir das Atmen immer schwerer und zum Schluss übersäuerten die Arme. Ich war so unglücklich, und es gab viele Tränen.. "Der Mensch ist keine Maschine", das habe ich gelernt.

Wie verarbeiten Sie Niederlagen?
Da es bis jetzt eigentlich immer aufwärts ging - bis auf kleine "Ausrutscher" - kannte ich bis jetzt dieses Gefühl nicht und ich wusste nicht, wie ich damit umgehen soll. Ich bin, wie man so schön sagt, in ein "Loch" gefallen und hatte auch überlegt aufzuhören. Inzwischen sehe ich es schon wieder etwas positiver. Mal sehen, wie es weiter geht. „Kommt Zeit, kommt Rat."

Wie sah Ihr Training für die WM aus?
Ab Mai habe ich versucht, zehn Mal in der Woche im Wasser zu trainieren plus zwei Mal in der Woche Krafttraining. So war ich drei Mal in der Woche vor der Arbeit im Fitness Studio. Im Juli konnte ich eine Woche Urlaub nehmen. In dieser Woche habe ich voll trainiert (also zwölf Mal in der Woche). Das heißt, täglich zehn bis zwölf km Schwimmen, Laufen und Krafttraining. Da leider schon vor den Ferien das Hallenbad geschlossen wurde, hatte ich oft sehr lange Anfahrtswege zu den noch offenen Bädern.

Warum ist gerade über 400m Freistil Ihre Lieblingsdisziplin?
Um ehrlich zu sein, habe ich eigentlich keine Lieblingsdisziplinen. Ich bin wie ein Motor, der sich warm laufen muss, damit er schneller wird. Mir liegen lange Strecken einfach besser. Ich bin auch schon bei Wettkämpfen 5000m geschwommen. Bei der Europameistermeisterschaft 2014 lief es über 400m Freistil besonders gut.)

Wie ließen sich das zeitintensive Training und Ihre Arbeit als Tierpflegerin vereinbaren?
Es ist nur machbar, weil ich noch zu Hause wohne und meine Arbeitskollegen mich unterstützt haben, indem ich an manchen Tagen etwas später zur Arbeit kommen durfte. Ich arbeite von 7:00-15:20 Uhr. Wenn ich nach Hause komme, dann steht das Essen schon auf dem Tisch, so dass ich mich nach dem Essen noch kurz hinlegen kann. Das Training fängt meistens um 18 Uhr an.

Woher schöpfen Sie Ihre Kraft?
Wenn ich die Möglichkeit habe, dann schlafe ich, um mich zu erholen.

Sie sind CI-Trägerin. Hatten Sie beim Schwimmen jemals Schwierigkeiten deswegen?
Nein. An Land trage ich mein CI. Sobald ich ins Wasser gehe, nehme ich es ab und dann läuft die Kommunikation über das Lippenlesen. Es gibt ja inzwischen auch wasserfeste CIs, aber bis jetzt hat es mich nicht so gereizt. Außerdem würde es vielleicht am Kopf drücken, da ich beim Training eine Badekappe trage. Vielleicht ist es für Wettkämpfe bei den hörenden Schwimmern interessant, da ich die Startsignale nicht höre und bis jetzt immer Starthilfe von meinen Kameraden bekomme. Das würde mich schon interessieren, wie es sich anhört. Mal schauen...

Wie kommen Sie mit der Hörbehinderung bei Ihrer hörenden Mannschaft zurecht?
Super! Ich verstehe mich mit allen sehr gut. Ich fühle mich wohl in der Mannschaft. Sie bemühen sich bei der Kommunikation. Wenn ich etwas nicht verstanden habe, besonders wenn mein Trainer die Trainingspläne ansagt, helfen sie mir. Ein Schwimmer lernt sogar mit mir in der Volkshochschule die Gebärdensprache.

Weihachten steht vor der Tür. Wie feiern Sie Heilig Abend?
Am Heilig Abend und am 1. Weihnachtsfeiertag werde ich arbeiten. Die Tiere müssen schließlich versorgt werden. Ich werde erst mit den Tieren Weihnachten feiern. Am 2. Weihnachtsfeiertag fliege ich mit meiner Cousine nach San Francisco, um ihre Freundin zu besuchen. Dort werde ich auch Silvester feiern. Auf diese Zeit freue ich mich schon sehr!

Was sind Ihre Ziele und Vorsätze für das neue Jahr?
Im nächsten Jahr sollen die 1st Swimming-European Championships Short course (25m) stattfinden. Mal sehen, ob meine sportlichen Leistungen dafür ausreichen. Ein weiteres großes Ziel sind die Deaflympics 2017. Dies wäre dann meine dritte Teilnahme beim größten Zusammentreffen der gehörlosen Sportwelt. Und ich wünsche mir einen unbefristeten Arbeitsvertrag.

(nr)


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