15.01.2015

musIC 2.0 – Musik für CI-Träger

Wem Musik vertraut war und dann ein CI bekommt, wird diese nicht ohne weiteres wieder so wahrnehmen können wie früher. Träger elektronischer Innenohrprothesen müssen im Regelfall neu lernen, Musik zu hören. Es sei denn, sie wird eigens für sie komponiert wie in einem Projekt des Deutschen HörZentrum (DHZ) der HNO-Klinik an der Medizinischen Hochschule Hannover und der Musikhochschule der Stadt.

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, die CI-Träger dabei unterstützen können, Musik differenzierter wahrzunehmen. All diesen Bestrebungen gemeinsam ist es jedoch, dass sich der Mensch an die Musik anpassen und versuchen muss, sie so wahrzunehmen wie sie der Komponist aufs Blatt gebracht hat.

Einen anderen Ansatz verfolgt das Team um Prof. Waldo Nogueira vom Deutschen HörZentrum an der MHH Medizinische Hochschule Hannover. Die Idee: Wenn so viele CI-Träger mit dem Hören von Musik Probleme haben, wieso verändert man diese nicht und passt sie an deren Bedürfnisse an? Aus diesem Grund komponierten die Tonkünstler der Musikhochschule Hannover neue Stücke, die auf die Besonderheiten des Hörens mit CI abgestimmt sind. Die Ergebnisse sollen auf einem Konzert im Februar zum Vortrage kommen.

INTERVIEW

Herr Prof. Nogueira, die meisten CI-Träger haben schon beim Verstehen von Sprache Schwierigkeiten. Musik empfinden viele sogar als eher unangenehm. Welche Voraussetzungen mussten die CI-Träger denn mitbringen, die Sie für das Projekt gewinnen konnten?

Als Teilnahme-Voraussetzung war uns lediglich Neugier und Interesse an dem Projekt wichtig. Aus den mittlerweile 30 Jahren klinischer Erfahrung mit dem CI wissen wir, wie gut sich damit Sprache verstehen lässt. Musik aber ist für viele CI-Träger eine Herausforderung und daher eine Aufgabe für uns Forscher. Mit diesem Projekt beispielsweise wollten wir Musik erschaffen, die für CI-Träger – und Normalhörende gleichermaßen – ein Genuss ist. Wobei natürlich der persönliche Geschmack auch entscheidend ist. Weitergedacht erwarten wir zudem Aufschluss darüber, wie wir die Technik verbessern können, um eben dieses komplexe Gebilde Musik mit Elementen wie Ton, Intervall, Melodie, Rhythmus, Harmonie und Klang der Instrumente so zu transportieren, dass CI-Träger daran Freude haben. Und wir haben offenbar wirklich offene Türen eingerannt, denn sehr schnell hatten wir eine Gruppe von rund 25 CI-Trägern zusammen, die sich an den insgesamt drei Workshop-Nachmittagen mit den Komponisten getroffen haben. Vor allem ist die Gruppe sehr unterschiedlich besetzt – wir haben die gesamte Bandbreite von den Hobbymusikern bis hin zu denjenigen, die mit Musik wenig anfangen konnten.

 

Wieso heißt das Konzert musIC 2.0? Hier denkt man unweigerlich an das Web 2.0 und Social Media, bei denen Interaktion mit den Nutzern eine elementare Rolle spielt. Der bisherige Konsument von Inhalten wird quasi zum Produzenten. Ist der Gedanke, der hinter dem Projekt steht, vergleichbar?

Wir haben den Titel aus eben diesen Gedanken heraus gewählt: Wie beim Web 2.0, das ja eine neue Evolutionsstufe des World Wide Web darstellt, sind wir der Meinung, dass wir neue Musik brauchen, die für ein Hören mit CI geeignet ist. Unser Projekt setzt ebenfalls auf die Zusammenarbeit von CI-Nutzern und Musikern. Beide Gruppen haben gemeinsam erarbeitet, welche Klänge, welche Instrument, welche Tonfolgen, Tonabstände sich gut mit dem CI erkennen lassen. So haben die CI-Träger die Kompositionen maßgeblich mitbestimmt. Außerdem enthält der Titel "musIC" die Buchstaben IC, die mit Cochlea-Implantat verbunden sind, gleichzeitig dreht sich das Projekt um musIC, und das Zentrum sind die CI-Träger. Das Wort musIC enthält also beide Konzepte. Und durch den Zusatz "2.0" finden wir den Aspekt berücksichtigt, dass musIC von Technologie stark beeinflusst wird.

Eine Ihrer Thesen lautet: Muss sich Musik vielleicht ändern, um für CI-Träger ein Genuss zu sein? – Wie muss man sich das vorstellen? Bedeutet das, dass CI-Träger auf das Oeuvre berühmter Komponisten zugunsten "eigener" Musik verzichten müssen?

Nein, es kann gar nicht "die" Musik für CI-Träger geben, wir haben ja schon viele CI-Nutzer, die sich gern Vivaldi, Beethoven oder Mahler anhören – und das in gewohnt orchestraler Version und dabei auch ihre Präferenzen für bestimmte Dirigenten haben – oder die gern Unterhaltungsmusik hören, das Radio aufdrehen, in Diskos gehen. Uns geht es ja um diejenigen, die Musikhören eben nicht als angenehm, entspannend, tragend empfinden. Und für diese wollen wir ein musikalisches Angebot schaffen, das eben die Kriterien erfüllt, die die bisher bekannte Musik in bekannter Instrumentierung nicht erfüllt. Wobei wir aber gleichzeitig ja auf der technischen Seite schauen, wie man das CI für alle Mozart-tauglich machen kann.

 

Die Tonkünstler haben neue Stücke für CI-Träger komponiert, die auf die Besonderheiten des Hörens mit CI abgestimmt sind. Welche Besonderheiten sind da in vorderster Linie zu nennen?

Musik ist ein sehr komplexes Ereignis, das sich aus schnell wechselnden Tonhöhen, Tonabständen, Harmonien und Rhythmen zusammensetzt. Das CI ist aber in erster Linie konstruiert worden, um Kommunikation zu ermöglichen, also das vergleichsweise robuste Sprachsignal zu übertragen. Nachdem das hervorragend funktioniert, wächst natürlich der Wunsch, nicht nur Sprache zu hören, sondern der Musik zu lauschen. Etliche CI-Träger können das bereits, sie singen im Chor, spielen selbst ein Instrument wie Geige, Klavier oder ähnliches. Es gibt aber eine große Gruppe CI-Träger, denen das jedoch nicht gelingt. Also versuchen wir herauszufinden, woran das genau liegt. Sind es die Tonhöhen oder die Tonabstände, die Tempiwechsel, der Wechsel der Lautstärke oder gar eine Kombination aus mehreren Elementen. So wollen wir allen CI-Trägern das Genusserlebnis Musik zugänglich machen.

 

Die Interviewfragen beantwortete Prof. Nogueira für unsere Redaktion freundlicherweise via E-Mail.
Ute Mai, Redaktion
_____________________________

Infos zum Konzert musIC 2.0

Das Konzert, zu dem CI-Träger mit Familie und Freunden sowie Interessierte und Musikbegeisterte eingeladen sind, findet am 13. Februar statt. Der Eintritt ist frei, allerdings gibt es aufgrund der begrenzten Platzzahl die Konzertkarten nur per Vorbestellung. Bitte melden Sie sich dazu bei Daniela Beyer von der HNO-Klinik, E-Mail beyer.daniela@mh-hannover.de , Telefon 0511 532 3016.

Beginn: 13. Februar 2015, 17 Uhr
Ort: Forum Sparkassenverband
Adresse: Schiffsgraben 6 -8
Anfahrt: Vom HBF 10 Minuten Fußweg | Stadtbahnlinien: 1, 2, 4, 5, 6, 8, 10, 11, 17 bis Aegidientorplatz, Ausgang Schiff graben, Fußweg 2 Minuten | Parkmöglichkeiten: Parkhaus direkt neben dem Forum des Sparkassenverbands (gebührenpflichtig)


Zurück