Vom Stigma zum Statement
Seit 1925 prägt die Familie Becker die Entwicklung der Hörakustik in Koblenz und darüber hinaus. Geschäftsführerin Brigitte Hilgert-Becker spricht über eine bewegte Zeit, das Vermächtnis ihres Vaters, die enge Verbindung von Handwerk und Selbsthilfe und darüber, warum ein Hörgerät heute ein Zeichen von Intelligenz sein sollte.
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Zum Jubiläum vereint: Brillen Becker und Becker Hörakustik feierten gemeinsam den 100. Geburtstag.
Ihr Vater Andreas Becker gründete 1925 das Unternehmen unter dem Namen Brillen Becker. Ab wann rückten die Hörgeräte in seinen Fokus?
Brigitte Hilgert-Becker: Als Optiker, der sich mit dem Ausgleich eines so wichtigen Sinnesorgans beschäftigte, lag es für ihn nahe, sich auch mit Möglichkeiten zu befassen, Menschen bei nachlassendem Hören zu helfen. Technische Ansätze gab es ja bereits, wenn auch sehr rudimentäre. Schon früh interessierte er sich für diese Entwicklungen. Nach dem Zweiten Weltkrieg engagierte er sich dann sehr stark, auch in der Selbsthilfe – in den 1950er-Jahren wurde er Vorsitzender des Schwerhörigenvereins in Koblenz, der 1937 gegründet worden war, und blieb es bis zu seinem Tod. Hören war für ihn nicht nur eine Profession, sondern auch eine Vision. Mit den Menschen zu arbeiten und sie zu begleiten, das hörte nicht nach Geschäftsschluss auf.
Wie sah der Alltag in einem Hörakustik- oder Optikgeschäft damals aus, als Hörakustik noch kein eigenes Handwerk war?
Koblenz lag nach dem Zweiten Weltkrieg in Trümmern, alles musste neu aufgebaut werden. Wir hatten bereits drei Geschäfte, die alle zerstört waren. Bereits in den Anfängen nach dem Krieg hatten wir schon einen Mitabeiter, der sich nur mit der Anpassung von Hörgeräten befasste sowie einen eigenen Raum für Hörgeräteanpassung und ein otoplastisches Labor. In damaliger Zeit wurden Hörgeräte oft durch Handelsvertreter in Gaststätten oder von Haus zu Haus verkauft. Mein Vater war überzeugt, dass Hörgeräte kein Handelsobjekt sein dürfen, sondern von ausgebildeten Fachleuten im Handwerk angepasst werden müssen. Dafür hat er sich erfolgreich eingesetzt.
Welche Geschichte aus den Anfangsjahren hat Sie besonders geprägt?
Sein Einsatz dafür, dass die Hörgeräteversorgung ein Gesundheitshandwerk wurde, wie das Optikerhandwerk hat ihn sehr viel Zeit und Kraft gekostet. Verantwortung, Kompetenz und Genauigkeit waren ihm wichtig. Ihn trieb an, dass er den Menschen wirklich helfen wollte. Es war für ihn eine Lebensaufgabe. So gehörte er auch zu den Gründungsmitgliedern der Union der Hörakustiker, dem Vorläufer der Bundesinnung, denn erst musste der Beruf entstehen, dann konnte eine Bundesinnung gegründet werden. Schließlich wurde Eutin als Standort der Fachschule gewählt, weil dies in der Nähe zu Eurin war, wo Dr. Pistor sein Fachgeschäft hatte. Alle mussten sich in Lübeck qualifizieren. Auch der Freiburger Sprachtest wurde in dieser Zeit entwickelt, unter Mitwirkung von Professor Hahlbrock, der als niedergelassener Arzt in Koblenz tätig war. Hier sammelte sich viel Kompetenz.
War für Sie immer klar, dass Sie in seine Fußstapfen treten würden?
Ich war von Anfang an dabei. Wir Geschwister waren für verschiedene Bereiche im Unternehmen tätig, außer ein Bruder, der eine eigene Firma für Luftbildvermessung gründete. Ich fand meinen Platz in der Hörakustik, auch durch die Verbindung zur Selbsthilfe. Dort konnte man Menschen begleiten und ihre Probleme wirklich kennenlernen. Nach dem Tod meines Vaters 1966 übernahm meine Mutter den Vorsitz des Schwerhörigen-Vereins (heute DSB Treffpunkt Ohr), später ich. Dieses Engagement gehörte bei uns zur Familie.
Was mussten Sie loslassen, damit sich Becker Hörakustik weiterentwickeln konnte?
Die Trennung von Brillen Becker Anfang der 1980er Jahre war eine Chance. Wir konnten Verantwortung abgeben und uns auf Hörgeräte konzentrieren. Das war für uns eindeutig positiv. Ich führte Becker Hörakustik gemeinsam mit meinem Mann bis zu seinem Tod 1994. Mittlerweile teile ich mir seit rund 20 Jahren die Geschäftsführung mit meinen Kindern. Sie bringen neue Sichtweisen, Digitalisierung und Offenheit für Innovationen ein. Meine Tochter ist zudem Vizepräsidentin der EUHA und engagiert sich in der Verbandsarbeit, wie schon ihr Großvater. Das ist schön zu sehen.
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Brigitte Hilgert-Becker (Mitte) mit ihren KIndern und Co-Geschäftsführern Eva Keil-Becker und Dan Hilgert-Becker
Sie leiten seit 1974 den Verein „DSB Treffpunkt Ohr – Verein für besseres Hören e.V.“ und sind Vorsitzende des DSB-Landesverband Rheinland-Pfalz. Was treibt sie an, sich in der Selbsthilfe zu engagieren?
Die Zusammenarbeit mit Menschen, die sich engagieren und einsetzen. Früher hatten wir im Vereins eine Mundabsehgruppe, das war damals eine ganz wichtige Kompetenz dieses Vereins, und gaben das erste deutschsprachige Lehrbuch dazu heraus: „Wer nicht hören kann, muss (ab)sehen“. Heute braucht es das nicht mehr. Die Hörsysteme sind viel besser geworden und für jene, die mit Hörgeräten nicht mehr genug hören, gibt es Cochlea-Implantate. Die CI-Träger haben bei Treffpunkt Ohr eine eigene Gruppe, die CI-Gruppe. Der technische Fortschritt hat vieles verbessert, aber es gibt immer noch Bedarf an Austausch und Begleitung. Treffpunkt Ohr organisiert Vorträge, Treffen, Ausflüge. Das macht Freude.
Wo sehen Sie weiterhin Handlungsbedarf?
Hörbarrieren im Alltag überwinden, etwa mit Induktionsanlagen. Öffentlichkeitsarbeit ist wichtig. Vom Stigma zum Statement! Wir sagen deshalb: Wir verkaufen keine Hörgeräte, wir verkaufen gutes Hören. Ein Hörgerät zu tragen sollte ein Zeichen von Intelligenz sein, nicht von Alter oder Schwäche.
Ist der Schritt in der eigenen Familie leichter?
Nein, auch dort ist es schwer. Eine Brille ist zum Modeaccessoire geworden, das Hörgerät noch nicht. Aber wir sind auf einem guten Weg.
Wie ergänzen sich Hörakustikhandwerk und Selbsthilfe?
Es ergänzt sich sehr. Man lernt, was schlechtes Hören im Alltag bedeutet: Ausgrenzung, Unsicherheit. Das kann kein Lehrbuch vermitteln. Unsere Mitarbeitenden sind bei Selbsthilfetreffen eingebunden, besonders bei CI-Gruppen, und geben Hilfestellung. Wir arbeiten eng mit vielen Kliniken wie dem Bundeswehrzentralkrankenhaus Koblenz, der Uniklinik Bonn und der Medizinischen Hochschule Hannover zusammen. Diese Kooperationen sind essenziell.
Wie sehen Sie den technologischen Wandel?
Er ist fantastisch. Der Beruf entwickelt sich rasant weiter. Die handwerkliche Komponente bleibt wichtig, tritt aber etwas in den Hintergrund. Moderne Hörakustik ist ein hochkomplexer Gesundheits- und Technologiebereich. Man muss ständig dazulernen. Das macht den Beruf spannend.
Wo sehen Sie die Zukunft?
Bestimmte Dinge lassen sich nicht online durchführen: Ohrabformungen, Messungen, persönliche Anpassung. Information kann online erfolgen, aber die individuelle Betreuung m Fachgeschäft bleibt entscheidend. Gerade in Familienbetrieben ist die persönliche Bindung zu Mitarbeitenden und Kunden stark.
Was würde Ihr Vater heute sagen?
Er wäre positiv überrascht, dass Kunden in unseren Fachgeschäften bereits beim ersten Besuch erleben können, wie gutes Hören klingt. Und er wäre begeistert, dass heute selbst hochgradig schwerhörige Menschen mit Cochlea-Implantaten hören können – das hätte er sich nicht vorstellen können. Er würde sich über die enge Zusammenarbeit mit Kliniken freuen. Und dann würde er uns ermutigen, unsere Kompetenz weiter auszubauen, um die ständig wachsenden Fortschritte der Technik im vollem Umfang weitergeben zu können.
Das Interview führte Marisa Strobel.
Fotos: Becker Hörakustik oHG
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