Mehrsprachigkeit mit CI – Herausforderung und Chance

Mehrsprachigkeit bei CI-Tragenden stellt neue Anforderungen an medizinische und therapeutische Fachkräfte. Zugleich eröffnet sie neue Wege für eine sensible und individuelle Rehabilitation.

Mehrsprachigkeit ist längst keine Ausnahme mehr, sondern weltweit die Normalität. Etwa zwei Drittel der Menschen weltweit wachsen mit mehr als einer Sprache auf. In Deutschland leben laut Statistischem Bundesamt über 25 Millionen Menschen mit Migrationsgeschichte, das entspricht rund einem Drittel der Bevölkerung (Statistisches Bundesamt, 2024). Mit einer eigenen Migrationsgeschichte oder Menschen mit Migrationsgeschichte im engen Familienkreis geht häufig auch das Erlernen einer anderen Sprache als der Umgebungssprache Deutsch einher. Die neben Deutsch am häufigsten gesprochenen Sprachen in Deutschland sind Türkisch, Polnisch, Russisch und Arabisch.

„Mehrsprachigkeit ist kein Risiko, sondern Ressource."

Diese sprachliche und auch kulturelle Vielfalt findet sich auch im Gesundheitssystem, in Krankenhäusern und Cochlea-Implantat versorgenden Einrichtungen wieder. Sowohl Kinder als auch Erwachsene mit mehrsprachigem Hintergrund bekommen dort Unterstützung beim (Wieder-)Erlangen des Hörens und Verstehens. Für Fachkräfte und Patienten bedeutet das, kommunikative, sprachliche und kulturelle Unterschiede in Diagnostik und Therapie zu berücksichtigen und zugleich die Potenziale der Mehrsprachigkeit gezielt in die Versorgung einzubinden.

Das deutsche Gesundheitssystem steht hier vor einer strukturellen Aufgabe, denn bisher fehlen systematische Daten zur Nutzung rehabilitativer Angebote von Menschen mit mehrsprachigem Hintergrund.  (Bundesministerium des Innern und für Heimat & Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, 2024). Elternberatung, Sprachtherapie und Nachsorge sollten unter Berücksichtigung der individuellen sprachlichen Situation erfolgen, denn genau dieses Wissen ist oftmals zentral, um Versorgungslücken zu schließen und Therapieerfolge zu sichern (McLeod & Verdon, 2017; Slade & Sergend, 2023).

Sprachbarrieren in Diagnostik, Therapie und Beratung

Im klinischen Alltag werden Sprachbarrieren schnell sichtbar, sei es bei der Anamnese, in der Hördiagnostik oder im Beratungsgespräch. Viele standardisierte Testverfahren liegen häufig nur in der Umgebungssprache, in Deutschland also meist auf Deutsch vor (Scharff Rethfeldt & Schrey-Dern, 2016). Gerade bei Kindern kann dies die Diagnostik erschweren. In der Sprachtherapie lässt sich dann beispielsweise oft nur schwer unterscheiden, ob sprachliche Auffälligkeiten Bestandteil einer tatsächlichen Sprachentwicklungsstörung sind oder Ausdruck unterschiedlicher Spracherfahrungen. Ebenso verhält es sich im Bereich der Hördiagnostik. Mehrere wissenschaftliche Studien belegen, dass Kinder und Erwachsene mit mehrsprachigem Hintergrund in Hörsituationen mit Störgeräuschen häufiger Verständnisschwierigkeiten haben als einsprachige Personen, vor allem, wenn es sich um Situationen in der Zweit- oder Drittsprache handelt (Cooke et al., 2008; Desouki & Mendel, 2023; Desjardins et al., 2019). Die eingeschränkte Automatisierung der Sprachverarbeitung kann dazu führen, dass es für Betroffene anstrengender ist, auf bewusste kognitive Strategien zurückzugreifen, um Gesprochenes zu verstehen. Dadurch wird das Hören nicht nur anstrengender, sondern auch weniger wirkungsvoll. Ein Hörtest in einer Sprache, die nicht der Erstsprache der Betroffenen entspricht, kann zu schwer interpretierbaren Ergebnissen führen. Kinder, die mehrere Sprachen in einer sehr frühen Phase des Spracherwerbs erlernen, scheinen von diesen Herausforderungen allerdings weniger betroffen zu sein (Desjardins et al., 2019).

Diagnostik und Therapie bei mehrsprachigen Kindern mit CI-Versorgung

Laut Statistischem Bundesamt hatten in Deutschland im Jahr 2024 etwas mehr als 40 Prozent aller Kinder unter fünf Jahren einen Migrationshintergrund und damit einhergehend oft auch einen mehrsprachigen Hintergrund. Für Kinder mit Hörstörung bedeutet das, dass sie häufig in Familien leben, in denen zwei oder mehr Sprachen selbstverständlich genutzt werden. Diese Kinder entwickeln individuelle Sprachprofile, die stark vom Spracherwerbsalter, von der Sprachkompetenz und der jeweiligen Sprachumgebung abhängen (Friederici & Chomsky, 2017).

Die aktuelle CI-Leitlinie betont, dass Eltern und Kinder in alle Phasen der Versorgung aktiv einbezogen werden sollen: von der präoperativen Beratung bis zur langfristigen Nachsorge. Ein wichtiges Instrument in diesem Prozess ist die ausführliche Anamnese (McLeod & Verdon, 2017). Sie ermöglicht es, das individuelle Sprachprofil des Kindes zu beschreiben und darauf basierend eine gezielte Therapieplanung und Förderung vorzunehmen. Gerade in mehrsprachigen Familien ist dieser Austausch zentral, um Unsicherheiten zu klären und Eltern zu ermutigen, die Sprachen, die ihr Kind erlebt und lernt, zu unterstützen. Mehrsprachigkeit ist kein Risiko, sondern eine Ressource. Kinder, die früh mehrere Sprachen hören und nutzen, profitieren oft von einer höheren kognitiven Flexibilität – auch mit CI.

Diagnostik und Therapie bei mehrsprachigen Erwachsenen mit CI-Versorgung

Auch erwachsene mehrsprachige CI-Träger stehen vor besonderen sprachlichen Herausforderungen. Wer seine Erstsprache in einem anderen Land erworben und die Umgebungssprache erst später gelernt hat, erlebt im Hörtraining oft doppelte Lernprozesse: Das Gehirn muss sowohl das neue Hörsignal über das CI verarbeiten als auch eine Zweitsprache verstehen und produzieren. In der Therapie lassen sich dann bekannte sprachliche Begriffe gezielt nutzen. Beispielsweise erleichtern Kognaten (Wörter, die in zwei Sprachen ähnlich oder gleich klingen und dieselbe Bedeutung haben) die Worterkennung und fördern die Übertragung von Lerninhalten zwischen den Sprachen (s. Abb. 2; Thyson et al., 2025). Wenn sprachliche Ressourcen also aktiv in die Therapie oder das Hörtraining integriert werden, können mehrsprachige Patienten mit CI davon profitieren – zum einen durch ein gestärktes Vertrauen zwischen Behandelnden und Patienten, zum anderen durch eine erhöhte Motivation, die wiederum den Rehabilitationserfolg unterstützt.

Kommunikation als Schlüssel zu Teilhabe und Lebensqualität

Wenn Kommunikation gelingt, verbessert sich nicht nur das Sprachverständnis, sondern auch die Lebensqualität. Menschen mit Migrationshintergrund und CI zeigen im Durchschnitt geringere Lebensqualitätswerte (Thyson et al., 2025). Gründe dafür sind Sprachbarrieren, kulturelle Unterschiede, aber auch Unsicherheiten im Zugang zum Gesundheitssystem. Auch im Beratungsprozess entstehen häufig Verständigungsschwierigkeiten. Medizinische oder technische Informationen sind komplex, und es fehlen mehrsprachige Informationsmaterialien, die Fachkräfte in ihrer Arbeit unterstützen könnten. Beratungszeiten verlängern sich und das Risiko von Missverständnissen steigt. Sprachmittlung, mehrsprachige Unterlagen und Fortbildungen zur interkulturellen Kommunikation sind daher wertvolle Bausteine der CI-Versorgung. Sie erleichtern den Austausch zwischen Patienten und Behandelnden.

Ob Kind oder Erwachsener – Sprache ist der Schlüssel zu sozialer Teilhabe. Mehrsprachigkeit gehört heute zur Realität – und sie bietet Chancen. CI-Zentren können diese Vielfalt aktiv fördern, indem sie sprachliche Biografien systematisch erfassen, Fortbildungen zu Mehrsprachigkeit ermöglichen und Informationsmaterialien in mehreren Sprachen bereitstellen. So ebnen sie den Weg für eine Versorgung, die sprachliche Vielfalt als Teil der Lösung begreift. Mehrsprachigkeit stellt Fachkräfte vor neue Anforderungen, eröffnet aber zugleich neue Wege für individuell angepasste und interkulturell sensible Rehabilitation.

Susann Thyson, Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Hörzentrum der Universitätsklinik Düsseldorf

Prof. Dr. med. Thomas Klenzner, stellvertretender Direktor der Klinik für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde des Universitätsklinikums Düsseldorf und Leiter des Hörzentrums Düsseldorf

Eine Literaturliste liegt vor und kann bei der Redaktion angefragt werden.

Das Interview erschien in der Schnecke 130/Winter 2025, die Sie hier bestellen können.


Vita

SUSANN THYSON

Susann Thyson ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Hörzentrum der Universitätsklinik Düsseldorf und Doktorandin an der Medizinischen Fakultät der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Mit einem Master in Lehr- und Forschungslogopädie verbindet sie Expertise in Public Health, Rehabilitationswissenschaften und Sprachtherapie. Sie erforscht, wie sprachliche und kulturelle Vielfalt die Versorgung von Menschen mit CI beeinflusst – mit dem Ziel, Versorgungsstrategien sowie Therapien evidenzbasiert weiterzuentwickeln.

PROF. DR. MED. THOMAS KLENZNER

Prof. Dr. med. Thomas Klenzner ist stellvertretender Direktor der Klinik für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde des Universitätsklinikums Düsseldorf und Leiter des klinikeigenen Hörzentrums, das er mitgegründet und zu einem Schwerpunkt für operative Hörprothetik und Hörrehabilitation am Universitätsklinikum ausgebaut hat. Nach dem Studium an der Medizinischen Hochschule Hannover war er bis 2007 am Universitätsklinikum Freiburg und dortigen ICF tätig. Prof. Dr. Klenzner ist Autor zahlreicher Publikationen sowie regelmäßig Referent bei internationalen Operationskursen für Cochlea-Implantate. Seine Forschung wurde unter anderem durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft, das Bundesministerium für Bildung und Forschung und das Zentrale Innovationsprogramm Mittelstand gefördert.


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