Ein Einblick in zwei Welten - Frau Kruemelkuchen erzählt

Wie ist das Leben mit CI, wie sieht der Alltag aus, wo gibt es Verbindungen, wo Trennendes. Diana Grosser ist durch Hörstürze ertaubt und hat zwei Cochlea-Implante. Hier gibt sie einen kleinen - äußerst spannenden Einblick in ihr Leben. 

Es gibt zwei Welten, die nebeneinander existieren – und doch von Grund auf verschieden sind.

Die Welt der “normal” Hörenden

Eure Welt – die der Hörenden – ist erfüllt von Selbstverständlichkeit. Sie lebt von Spontaneität, vom schnellen „Gehen wir noch auf einen Kaffee?“ oder „Lust auf ein Konzert heute Abend?“. Ein kurzer Anruf genügt, und schon ist der Abend geplant. Ein Festivalbesuch, ein improvisierter Ausflug, ein Treffen im Straßencafé – euer Alltag ist von dieser unbeschwerten Beweglichkeit getragen.

Gespräche fließen leicht dahin. Worte wechseln ohne Mühe, ohne Vorbereitung. Ein Nebensatz wird im Vorübergehen verstanden, ein Scherz am Nachbartisch aufgegriffen, das Summen der Hintergrundmusik gar nicht bemerkt. Für euch ist Hören kein Ereignis, sondern Grundrauschen des Lebens.

Meine Welt

Foto: Diana Grosser / privat

Diana Grosser

Meine Welt sieht anders aus. Auch ich sitze im Café. Aber ich brauche meist Technik, Vorbereitung, damit es funktioniert. Ein spezielles Mikrofon, eine FM-Anlage, die richtige Sitzordnung, ein gut gewählter Platz.

Habe ich diese Hilfsmittel nicht dabei, wird jeder Schluck Cappuccino von höchster Anstrengung begleitet: Nachfragen, Wiederholungen, Lücken, die mein Gehirn füllen muss. Höchste Konzentration, die bald ermüdet.

Während ihr euch treiben lasst, muss ich planen. Ich überlege vorab: Wo setzen wir uns hin? Ist der Platz hell genug, damit ich das Mundbild sehe? Sitzen wir am Rand oder umringt von Menschen? Wie laut ist es? Habe ich die Geräte geladen, vorbereitet, eingepackt? Eure Spontaneität bedeutet für mich manchmal Stress, wenn ich nicht vorsorge.

So zeigt sich der Unterschied: Was für euch mühelos geschieht, verlangt mir Vorbereitung und Energie ab. Ihr springt in die Situation hinein, ich trete bewusst ein – mit bedacht gewählter Strategie. Mit Konzentration und Achtsamkeit.

Konzerte und Begegnungen

Auch ein Konzert erlebe ich. Doch während ihr euch im Klang verliert, wird für mich jeder Takt zu einem Prüfstein. Kommunikation ist fast unmöglich, jede Unterhaltung ein Rätselraten. Ich stehe da, konzentriert, kämpfend, ringe Melodien ab, die ihr einfach empfangt. Wenn es gelingt, ist es ein Erfolg – aber ein Erfolg, der hart erkämpft wurde. (Hier sei erwähnt, dass ich mit Hörlibert, unfassbar gute Erfolge im Musiktraining gemacht habe und Hörmine nun ebenfalls gut aufholt)

Wo ihr euch treiben lasst, navigiere ich. Wo ihr Genuss erlebt, betreibe ich Arbeit. Und wo ihr aus der Leichtigkeit Kraft schöpft, verliere ich sie.

Zwei Signaturen

Euer Leben trägt die Handschrift der Unmittelbarkeit. Meines die der Bedachtsamkeit.

Ihr lebt von Optionen, ich lebe von Entscheidungen.

Ihr habt den Luxus des „Einfach Machens“, ich die Notwendigkeit des „Vorher Prüfens“.

Und doch: Diese Unterschiede bedeuten nicht, dass mein Leben ärmer wäre. Es ist anders. Es ist ein Leben in der Schwebewelt – einer Welt zwischen Klang und Stille, zwischen spontaner Einladung und durchdachter Planung. Kein Raum der reinen Leichtigkeit, aber ein Raum, in dem jeder Erfolg, jede gelungene Begegnung umso wertvoller ist, weil sie nicht selbstverständlich war, sondern errungen. Und vor allem: das bewusste Erleben, das achtsame konzentrierte Genießen und Erarbeiten - erfüllt mich mit unfassbarem Glück. Nichts geschieht nebenbei, nichts verliert an Wert, weil ich abgelenkt bin.

Übergang

Genau hier beginnt das zweite Thema, das mit dem ersten untrennbar verwoben ist. Denn das Leben in zwei Welten, das Leben in einer Schwebewelt, bringt unweigerlich eines mit sich: die Notwendigkeit von Grenzen. Wo Spontaneität nicht selbstverständlich möglich ist, wo jeder Schritt Bedacht erfordert, da wird das Ziehen einer Linie nicht zum Luxus, sondern zur Bedingung, überhaupt handlungsfähig zu bleiben.

Essay II: Grenzen – Würde in Linien

Grenzen gelten in vielen Augen als Einschränkungen. Für mich sind sie das Gegenteil: Sie sind Wegweiser, Rettungsleine, Lebensnotwendigkeit.

Warum ich Grenzen brauche

Mein Leben ist nicht beliebig dehnbar. Arzttermine, Reha-Sitzungen, Therapien, Selbsthilfegruppen – sie alle fordern Zeit, Energie, Aufmerksamkeit. Dazu Seminare zur Fortbildung, die ich besuche oder selbst halte, familiäre Verpflichtungen, organisatorische Aufgaben. Schon der Alltag ist eine Balance zwischen Erfüllung und Erschöpfung.

Grenzen setzen heißt: Ich weiß, wie weit ich gehen kann. Ich weiß, wann meine Kräfte aufgebraucht sind. Und ich weiß, dass ich nicht mehr leisten muss, als ich vermag.

Grenzen und andere Menschen

Für viele, die gesund sind, wirken meine Grenzen kleinlich. „Komm doch trotzdem mit“, „Das geht schon irgendwie“, „Stell dich nicht so an“. Solche Sätze höre ich. Doch sie verraten nur eines: Meine Grenze ist ihnen gleichgültig. Sie sehen sie als verhandelbar, als Laune, als Missverständnis.

Doch das ist sie nicht. Meine Grenze ist keine Schrulle, kein spontaner Einfall. Sie ist das Resultat von Erfahrung. Jede Grenze ist wohlüberlegt: aus Schmerz geboren, aus Überforderung gelernt, aus Selbstachtung gezogen.

Wenn ich sage: Heute nicht. Diese Geräuschkulisse ist zu viel. Diese Veranstaltung überfordert mich. Diese zusätzliche Aufgabe raubt mir Kraft, dann ist das kein Ausdruck von Schwäche. Es ist der Ausdruck von Klarheit.

Grenzen als Schutzraum

In meinen Selbsthilfegruppen erlebe ich, wie anders es sein kann. Dort sitzen wir im gleichen Boot. Dort sagt niemand: „Aber überleg doch noch mal.“ Dort muss niemand rechtfertigen, warum er eine Grenze zieht. Ein schlichtes „Das geht für mich nicht“ genügt. Denn wir alle wissen: Wer „Nein“ sagt, tut das aus Notwendigkeit.

Dieser stille Konsens ist wie ein Schutzraum. Hier werden Grenzen nicht verhandelt, sondern geachtet. Kein Drängen, kein Bagatellisieren. Nur Anerkennung. Und das genügt.

Grenzen und Würde

Grenzen sind für mich nicht Mauern, die andere ausschließen. Sie sind Linien, die mich selbst schützen. Sie sind der Rahmen, in dem ich leben und wachsen kann, ohne mich selbst zu verlieren.

Und sie sind auch ein Prüfstein für andere: Wer meine Grenzen akzeptiert, respektiert mich. Wer sie missachtet, missachtet nicht nur eine Entscheidung, sondern meine Würde.

Vielleicht ist dies die tiefste Wahrheit über Grenzen: Sie sind nicht das Ende meiner Möglichkeiten, sondern die Voraussetzung, dass ich überhaupt Möglichkeiten haben kann.

Ich will nicht überredet werden. Ich will gelten. Und darin liegt nichts weniger als Selbstachtung.

Epilog – Manifest der Schwebewelt

Zwei Welten habe ich beschrieben – eure, die von Leichtigkeit, Spontaneität und Selbstverständlichkeit lebt. Und meine, die von Bedacht, Vorbereitung und dem täglichen Ringen um Teilhabe geprägt ist. Zwischen diesen beiden Welten spanne ich mein Leben – nicht ganz dort, nicht ganz hier, sondern in der Schwebe.

Und genau dort, in dieser Schwebewelt, werden Grenzen unverzichtbar. Sie sind die Linien, die mir Halt geben, die Umrisse meines Daseins. Nicht Mauern, die mich isolieren, sondern Fundamente, auf denen ich stehen kann. Sie machen mein Leben nicht enger, sondern tragfähig.

Ich lebe kein Leben des Zufalls, sondern eines der Wahl. Kein Leben der unbegrenzten Möglichkeiten, sondern eines der wohlüberlegten Entscheidungen. Es ist anders als eures – schwerer, bedachter, langsamer vielleicht. Aber es ist meines. Und ich lebe es mit aller Leichtigkeit die möglich ist.

Vielleicht liegt darin der eigentliche Sinn der Schwebewelt: dass sie weder Mangel noch Defizit ist, sondern eine eigene Form des Seins. Eine Identität, die sich nicht durch Anpassung definiert, sondern durch Klarheit.

Und so stehe ich da – Grenzgängerin, Seiltänzerin, Bewohnerin einer Schwebewelt. Nicht hörend, nicht gehörlos. Manchmal stolpernd voller Schmerz und manchmal fit wie ein Turnschuh. Und immer: ich.

Bleibt's xund eure Frau Kruemelkuchen 

 


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