Weltpremiere am Gate: Wie Auracast die Flughafenansage revolutionieren soll

 "Es ist nicht nur ein Meilenstein für den Frankfurter Flughafen. Genau genommen ist es ein Meilenstein für den Luftfahrtsektor weltweit."

Auracast-Stream auf einem Smartphone / Foto: Rinke

Mit diesen Worten startete Alexander Laukenmann, Senior Vice President Aviation der Fraport AG am Frankfurter Flughafen ein Pilotprojekt. Es soll klassische Lautsprecheransagen grundlegend verändern. Erstmals werden Gate-Ansagen per Bluetooth-Technologie "direkt auf’s Ohr" auf persönliche Endgeräte übertragen – auf Hörgeräte, Earbuds oder Smartphones. Zwei Gates sind testweise mit der neuen Technologie ausgestattet. Ende März werden die Erfahrungen ausgewertet.

Doch der Start ist nicht ganz einfach. Einige Gäste mit neuesten Auracast-fähigen Hörgeräten und den entsprechenden Apps auf ihren Handys müssen nur den QR-Code scannen und bekommen sofort die Ansagen auf ihre Ohren. Doch die meisten geladenen Gäste bekommen die neuesten Samsung-Smartphones und die passenden Kopfhörer ausgeliehen. Fast immer scheitert es, eine Verbindung aufzubauen, zum Beispiel, weil die Kopfhörer zwar geeignet sind, das Telefon aber eins von Apple ist. Doch mit den Leihgeräten ist die Verbindung sofort hergestellt.

"Wir sind Pioniere"

Roland Zeh: "Fortschritt nicht ausbremsen" / Foto: Rinke

In dieser Umgebung kommt aus der Selbsthilfe ein klares Signal – verbunden mit Erwartungen. Roland Zeh, Vorstandsmitglied im Deutschen Hörverband und Präsident der DCIG, betont, dass Auracast technisch zwar zuverlässig entwickelt sei, sich aber noch am Anfang der Verbreitung befinde. "Wir sind Pioniere momentan. Und wir stehen ganz am Anfang." Gleichzeitig macht er deutlich: "Es funktioniert." Zeh sieht in der Technologie großes Potenzial, warnt jedoch davor, dass Skepsis aus der Community den Fortschritt ausbremsen könnte. In der deutschen Selbsthilfe gebe es "sehr viele skeptische Stimmen", die kontraproduktiv wirken könnten. Denn Unternehmen müssten investieren – "und sie werden nicht investieren, wenn da nur Skepsis besteht." Ein zentrales Problem sei derzeit die geringe Marktdurchdringung kompatibler Hörsysteme. "Es gibt bisher noch sehr, sehr wenige Hörsystemträger, die auracastfähige Hörsysteme haben." Sowohl klassische Hörgeräte als auch Cochlea-Implantate müssten erst entsprechend ausgestattet werden. Für Bestandsnutzer brauche es daher Übergangslösungen. "Am idealsten wäre, wenn diese Zwischenlösung das Handy wäre", sagt Zeh – also der Empfang des Auracast-Signals über das Smartphone und anschließendes Streaming auf das Hörsystem. Langfristig hofft er, dass kommende Produktzyklen das Problem lösen: Neue Hörgeräte und Cochlea-Implantate sollten direkt auracastfähig sein, "dass man keine Zwischenlösung mehr braucht". Gleichzeitig formuliert er eine positive Botschaft: Jetzt gehe es darum, "dem Ganzen eine Chance zu geben", technologieoffen zu bleiben und die Entwicklung konstruktiv zu begleiten.

Akustisch schwierige Orte

Flughäfen sind dafür ideal, weil sie schwierige Umgebungen sind. "Flughäfen sind normalerweise kein ruhiger Ort. Es herrscht reges Treiben, die Menschen sind sehr gestresst, und obendrein gibt es noch viele Durchsagen an den Gates", so Laukenmann. Gerade wichtige Informationen gingen dabei unter. "Wer sie verpasst, verpasst möglicherweise seinen Flug", so Laukenmann. Die neue Technologie setzt genau hier an. Sie ermögliche es, "mit ihrem ganz normalen persönlichen Gerät eine sehr klare, hochwertige Durchsage direkt ins Ohr erhalten." Perspektivisch seien sogar individualisierte Angebote in vielen Sprachen denkbar. Und das, was in Frankfurt erstmals weltweit an einem Flughafen eingeführt wird, funktioniert im Ausland zum Teil schon an Bahnhöfen. Aber tatsächlich ist die Technologie noch weit vom Alltag entfernt.

Ein System für alle – nicht nur für Hörsysteme

Im Mittelpunkt steht der offene Bluetooth-Standard Auracast. Technisch handelt es sich um "broadcast audio", also ein Signal, bei dem ein Signal unbegrenzt viele Empfänger innerhalb der Reichweite ansteuert. Damit kommen Informationen in Echtzeit auf en persönlichen Geräten an.

Das Kernproblem sei weniger ein Mangel an Informationen als deren Verständlichkeit. "Uns fehlt es nicht an Durchsagen, sondern an Klarheit", sagte der Passenger Solutions Experte des Flughafens, Marcel Brunner. In großen Terminals konkurrieren Lautsprecheransagen mit Hall, Hintergrundgeräuschen, Gesprächen, Musik und den Kopfhörern der Reisenden. Der Flughafen leidet nicht unter Informationsdefiziten, sondern unter akustischer Überlastung.

Auracast soll genau hier ansetzen. Technisch handelt es sich um "eine Audioübertragung im Sendemodus", bei der – so Brunner – "eine Quelle unbegrenzt viele Empfänger in Reichweite erreicht". Die Informationen kämen "in Echtzeit direkt auf persönliche Geräte".

Für den Flughafen entsteht dadurch "ein direkter persönlicher Audiokanal" sowie "Unabhängigkeit von der Terminal-Akustik". Operativ gehe es um "weniger akustische Überlastung, bessere Kontrolle der Informationsvermittlung und natürlich kein separates System für Barrierefreiheit". Auracast ergänze bestehende Systeme dort, "wo Lautsprecher an ihre Grenzen stoßen".

Google: offener Standard statt Insellösung

Aus Sicht von Google ist Auracast vor allem ein industriepolitischer Schritt. Mohamed Fahad Alam, Android-Manager bei Google, erklärte: "Der Branche fehlte bislang ein einheitlicher Standard." Genau das habe Innovation im öffentlichen Raum ausgebremst. "Mit Auracast haben wir einen Standard, und er ist offen", betonte er. Entscheidend sei die "native Integration in die Plattform". Nur wenn die Funktion direkt im Betriebssystem verankert sei, entstehe Akzeptanz: "Die Dinge funktionieren sofort." Für Infrastrukturbetreiber bedeute das: "Man muss sich eigentlich keine Sorgen über Fragmentierung machen."

Samsung: Die Geräte sind längst da

Mark Holloway, Samsung: die Informationen sollen unabhängig vom Gerät ankommen / Foto: Rinke

Mark Holloway, Director of Tech Core Management bei Samsung, argumentiert aus der Perspektive der Endgeräte. "Moderne Unterhaltungselektronik wurde darauf ausgelegt, direkte persönliche Audioerlebnisse zu liefern", sagte er. Smartphones und Kopfhörer seien technisch längst vorbereitet. Der Unterschied: bisher endete dieses persönliche Audioerlebnis an der Schwelle zum öffentlichen Raum. Auracast schließe diese Lücke. Entscheidend sei, dass das System "nicht nur mit Hörgeräten funktioniert, sondern auch mit herkömmlichen Earbuds und Smartphones". Der Vorteil liege in der Verbreitung: "Zunächst einmal hat sie jeder." Sein Leitgedanke lautet daher: "Egal, welches Gerät man nutzt – die Information sollte zu einem kommen." Gerade in Zeiten, in denen viele Reisende mit Noise-Cancelling-Kopfhörern unterwegs sind, sei das ein entscheidender Schritt.

Inklusion ohne Stigma

Aus audiologischer Sicht geht es um weit mehr als Komfort. Jill Mecklenharger, Principal Audiologist bei GN Hearing, machte deutlich: "Selbst wenn man die besten Hörgeräte der Welt hat, gibt es viele Dinge, die man in einer Flughafen-Umgebung nicht kontrollieren kann." Hall, Distanz, Hintergrundgeräusche – klassische Hörsysteme stoßen an physikalische Grenzen. Direktes Streaming könne daher "für alle lebensverändernd sein". Besonders wichtig sei ein sozialer Aspekt: "Es nimmt das Stigma." Nutzer müssten keine spezielle Zusatztechnik mehr tragen. Das Prinzip laute: "Bring your own device."

Apple fehlt - noch

Ein sensibler Punkt in der Diskussion ist die Rolle von Apple. Auf Nachfrage wurde offen eingeräumt: "Apple fehlt, das ist korrekt." Allerdings bedeutet das nicht, dass Apple-Nutzer grundsätzlich ausgeschlossen sind. Über kompatible Hörgeräte oder bestimmte Earbuds sei es bereits heute möglich, Auracast zu empfangen – auch wenn das iPhone selbst den Standard bislang nicht nativ unterstützt. Und, glaubt man den Entwicklern ist es nur eine Frage der Zeit, wann sich das amerikanische Unternehmen anschließen wird. Der Bluetooth-Standard sei etabliert, die Industrie bewege sich – und auf Dauer werde auch Apple nicht umhinkommen, sich mit dem offenen Standard auseinanderzusetzen.

Skalierbar vom Regionalflughafen bis zum Hub

Und auch bei der technischen Umsetzung ist Flexibilität nötig. "Es gibt keinen Flughafen auf der Welt, der einem anderen gleicht", erklärte Johannes Sittig, der die Technologie am Frankfurter Flughafen umsetzt. Ob kleiner Flughafen oder internationales Drehkreuz – "man nutzt einfach mehr Sender". Gleichzeitig steht das Projekt noch am Anfang. Nun gehe es um Nutzerfeedback, Skalierung und mögliche internationale Rollouts.

Wie gut die Einführung von Auracast am Flughafen läuft, das entscheiden in den kommenden Monaten die Reisenden. Doch eines steht bereits fest: Das Problem ist nicht mangelnde Information – sondern mangelnde Klarheit. Und genau hier setzt die Technologie an. (Markus Rinke)


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